Von Nicolaus Sombart

Da ziehen sie herum, landauf, landab, die armen Jungen und Mädchen, mit dem "Projekt" für eine Magisterarbeit, Dissertation, Habilitationsschrift gar, für das sie sich in ausführlichen, im Jargon ihrer Disziplin vorgetragenen, methodologisch abgesicherten Anträgen mühselig die Mittel (das heißt ihre Subsistenzmittel) verschafft haben, und wollen erforschen, was einmal in Deutschland "Kultur" war. Nicht in ferner Vergangenheit, sondern zu Anfang und bis ins erste Drittel unseres Jahrhunderts, zu Lebzeiten ihrer Großeltern; und wenn sie Glück haben, haben sie auch noch eine Ahnfrau gekannt, die ihnen etwas davon erzählen konnte. Sie kommen auch gelegentlich zu mir, dessen Erinnerung in diese längst vergangene Zeit zurückreicht, und jedesmal stehe ich erneut vor der Schwierigkeit, ihnen etwas von der lebendigen Wirklichkeit, vom Wesen und Wirken dieser "Kultur" zu vermitteln.

Daten, Namen, Genealogien, Orte, Ikonographien, Texte, Objekte – an Material fehlt es nicht, aber es handelt sich doch immer nur um Anhaltspunkte. Um das Gestalthafte zu erkennen, das die Unzahl der Einzelfakten zur Einheit fügt und zu sinnlicher Anschauung bringt, bedarf es mehr.

Um diese "Kultur der Jahrhundertwende" zu begreifen, muß man zunächst einmal sehen, daß sie wesentlich Sache kleiner Personengruppen – meist Angehöriger der in ihren Wertvorstellungen noch aristokratisch geprägten Oberschichten und ihrer Klientel, wozu natürlich auch die Künstler gehörten – als solche aber, selbstverständlicher, konstitutiver, verinnerlichter Bestandteil ihrer Lebenshaltung, ihres Lebensstils, ihres Lebensgefühls war. Um ihr Geheimnis zu erfassen, ist es sicherlich ungenügend, ihre tangiblen und intangiblen Produkte zu katalogisieren, zu klassifizieren, zu interpretieren, man muß zunächst und vor allem von den Personen sprechen, die sie repräsentierten, Personen, die zueinander in Beziehung standen, die sich kannten (oder kennen konnten) und miteinander kommunizierten. "Kultur" als das Beziehungsgeflecht, als Netzwerk von Personen – wie soll man das fassen?

Das Buch von Oswalt von Nostitz über das Leben seiner Mutter Helene stellt den gelungenen Versuch dar, auf diese Frage eine Antwort zu geben. Ich empfehle es dringend jedem, der auch ohne Forschungsprojekt dem Geheimnis der "Kultur der Jahrhundertwende" auf die Spur kommen will. Offenbar ist das Genre der Biographie das für solche Explorationen heuristisch ergiebigste.

Oswalt von Nostitzens Buch ist in der Tat ein wichtiger Beitrag zur Kulturgeschichte, insofern es ihm gelungen ist, in der minuziösen Darstellung des Lebens einer "großen Dame" eine klare Vorstellung davon zu vermitteln, wie "Kultur" als Habitus, als Lebenspraxis, als Kommunikation von Menschen in einer gehobenen, exklusiven gesellschaftlichen Sphäre funktionierte. Ein Glücksfall, weil er sich den Zugang zu ihr nicht mühselig von außen her erschließen mußte, sondern mit dem methodologisch schwer einzuholenden Insiderwissen von ihr sprechen kann.

Helene von Nostitz (1878 bis 1944) gehörte zur europäischen viel mehr als zur deutschen Gesellschaft. Obwohl Preußin, als geborene Hindenburg (Nichte des Feldmarschalls und Reichspräsidenten) hat sie dank ihres Großvaters, des Fürsten Georg Münster von Derneburg, der Hannoveraner war und eine Galizin zur Frau hatte, sowie ihres sächsischen Mannes, des letzten Gesandten des Königreichs Sachsen in Wien, die provinzielle Enge des ostelbischen Adels weit hinter sich gelassen. Sie war in Rom, Paris und London ebensosehr zu Hause wie in Weimar, Dresden oder Berlin. Daß sie vier Sprachen in Wort und Schrift beherrschte, lag daran, daß sie standesgemäß von Gouvernanten großgezogen und als Kind und junges Mädchen schon weit gereist war. Einen großen Teil ihrer Jugend hat sie außerhalb Deutschlands, in Italien und in Paris, wo Fürst Münster Botschafter war, verbracht.