Der Gedanke an eine eigene Eingreiftruppe der Europäer ist vorerst abwegig

Von Hans Rühle

Seit der Zerfall des Vielvölkerstaats Jugoslawien militärische Dimensionen angenommen hat und sich aufgestauter Haß und übersteigerter Nationalismus in einem brutalen Bürgerkrieg entladen, stellt sich den übrigen europäischen Mächten nicht mehr so sehr die Frage, ob – und wenn ja, wie – sie in diesen Konflikt eingreifen sollen, sondern ob sie nicht durch einen vorbeugenden militärischen Einsatz die Tragödie hätten verhindern können. Nicht wenige, auch deutsche Politiker und Journalisten hatten ja öffentlich von der Option des Einsatzes einer schnellen europäischen Eingreiftruppe gesprochen.

Angesichts der von der internationalen Staatenwelt offenbar nicht mehr zu beeinflussenden Abläufe auf dem Balkan mag sich so mancher bestätigt fühlen, der auf vorbeugende militärische Maßnahmen gesetzt hatte. Es könnte durchaus dazu kommen, daß sich aus diesem Kreis von Interventionisten die Uberzeugung, es besser gewußt zu haben, zu einer Art von Dolchstoßlegende über unverantwortliche Unterlassungen verdichten wird.

Doch ganz so einfach liegen die Dinge nicht. Zwar läßt sich kaum bestreiten, daß die westeuropäischen Politiker lange Zeit nur geringes Augenmerk auf die sich abzeichnenden bedrohlichen Entwicklungen in Südost-Europa richteten. Militärische Versäumnisse liegen jedoch nicht vor. Denn auch diejenigen, die nun plötzlich den Einsatz einer schnellen europäischen Eingreiftruppe vorschlugen, hatten sich zuvor in ihren Aussagen über die Gründungsmodalitäten einer derartigen militärischen Sonderformation der Westeuropäer ausnahmslos im Unverbindlichen bewegt. Es war daher auch nur zu verständlich, daß sich diese Promotoren einer vorbeugenden Militäraktion nur sehr vage – wenn überhaupt – dazu äußerten, wer denn in Jugoslawien von wem, wo, zu welchem Zeitpunkt, in welcher Stärke, mit welchem Auftrag und unter welchem Kommando eingesetzt werden sollte.

Vor diesem Hintergrund hat sich daher jede seriöse Diskussion über eine europäische schnelle Eingreiftruppe mit drei Fragen zu befassen:

  • Wer soll der "Träger" dieser europäischen Eingreiftruppe sein?
  • Wo soll diese Formation innerhalb der gegenwärtigen und künftigen Sicherheitsstruktur in und für Europa angesiedelt werden?
  • Woher soll das militärische Potential für die europäischen Großverbände der schnellen Eingreiftruppe kommen?