Von Alexander Smoltczyk

Kein Geringerer als Condorcet hatte die Idee gehabt. Vor den dichtgedrängten Reihen der gesetzgebenden Versammlung in den Tuilerien verkündete der Aufklärer, das revolutionäre Frankreich werde "allen Völkern, allen Zeiten" ein Geschenk machen: eine neue, eine universelle Maßeinheit – den Meter! Denn welch größeres Symbol der Ungleichheit als zweierlei Maß? Welch finsteres Erbe des unaufgeräumten Mittelalters als die Koexistenz von Metzen und Ellen und Klaftern, von Linien, Ruten und Fuß? Zumal der "Fuß" sich – horribile dictu! – auf den königlichen Fuß berief. Undenkbar in der neuen Zeit, die mit dem Bastillensturm angebrochen war. Neue Zeit verlangt neues Maß.

Aber auch aus wirtschaftlichen Gründen mußte ein Einheitsmaß gefunden werden. Das war schon in den Klagebriefen von den Generalständen gefordert worden. Händler und Bauern verlangten klare Verhältnisse im Warentausch: Freiheit, Gleichheit, Einheitlichkeit. Und wer anders als die erste weil in freiem Willen konstituierte Nation wäre legitimiert, der Welt dies neue Maß zu geben? Und also ward’s beschlossen.

Nur eine Kleinigkeit galt es noch zu klären: Was war das eigentlich – ein "Meter" ? Condorcet hatte verkündet, als Urmaß käme nur die Erdkugel in Frage, Inbegriff von Universalität und Ewigkeit. Ein Meter sollte der "vierzigmillionste Teil eines irdischen Meridians" sein. Um ebendiesen zu vermessen, wurden die beiden Astronomen Jean-Baptiste Delambre und Pierre Mechain am 25. Juni 1792, exakt zwei Jahrhunderte vor "Binnenmarkt" und "Euronorm", auf den Weg geschickt. Der eine fuhr nach Dünkirchen im Norden, der andere auf dem gleichen Längenkreis Richtung Süden, nach Barcelona. Einmal die Entfernung beider Städte exakt gemessen, ließe sich anhand des jeweiligen Winkels zum Polarstern die Länge des gesamten Erdmeridians errechnen. Ganz einfach.

Der Pariser Mathematiker und Drehbuchautor Denis Guedj erzählt in seinem Buch "Die Geburt des Meters" detailliert und farbenreich, was alles passieren kann, wenn die klare, geordnete Welt der Geometrie mit der durchaus unaufgeräumten Welt des Realen zusammentrifft. Denn auf keinem anderen Meridianabschnitt des Globus dürfte es zu jener Zeit unruhiger zugegangen sein als zwischen Dünkirchen und Barcelona unter der Herrschaft des Wohlfahrtsausschusses. Was nützen die modernsten Haarhygrometer, Repetierkreise und Taschenfernrohre, wenn Kirchtürme, die als Landmarken ausgesucht waren, über Nacht abgerissen werden? Wenn ausgerechnet am Maßpunkt "Fort Bellegarde" eine Artillerieschlacht zwischen den Truppen Frankreichs und Spaniens tobt? Ganz zu schweigen vom Mißtrauen der Sansculotten, die in der Errichtung von mysteriösen Signalmasten auf den Kirchtürmen einen Komplott der Aristokraten wittern. Unzählige Male werden Delambre und Mechain verdächtigt und verhaftet. Sie machen weiter, bei Wind und Wetter, unter Jakobiner- und Thermidorianerherrschaft. Denn "die Messung ist universell, sie darf nicht von den Ereignissen abhängen". Als einziger Trost bleibt den beiden Astronomen dann des Abends nur der gestirnte und so vollkommen geordnete Himmel über ihren Häuptern.

Die Geschichte der beiden Landvermesser ist gewiß eine der spektakulärsten in dem an Anekdoten nicht armen Buch der Wissenschaftshistorie. Man sollte meinen, die Suche nach dem ewigen Maß erzähle sich von alleine, zumal sie dank der Aufzeichnungen der beiden Gelehrten ausgezeichnet dokumentiert ist. Denis Guedj hat sich dafür entschieden, eine Nachdichtung zu schreiben. Getreu dem dramatischen Kodex der Drehbuchschreiber wird große Geschichte in Kaminfeuer-Dialoge übersetzt und in imaginierten Begegnungen in Szene gesetzt. Das geschieht bisweilen etwas jugendbuchhaft belehrend, bisweilen etwas stark koloriert: "Mechain eilte hinaus, barfüßig. Schon flammten die höchsten Gipfel auf. Vom Grunde des nebelerfüllten Tals stiegen die fernen und ernsten Stimmen der Mönche empor..." Doch die beiden wackeren Astronomen Mechain und Delambre haben zu viel Bemerkenswertes erlebt, als daß ihre Geschichte nicht auch dieser nachträglichen Unbill trotzen würde.

Im Jahr 7 der Republik, dem vierten Messidor, jedenfalls tragen Jean-Baptiste Delabre und Pierre Mechain unter Trompetenschmettern einen glänzenden Platinstab in den Saal der Pariser Volksversammlung: "Citoyens! Ich darf euch bekanntgeben, daß die Länge des Meters drei Fuß, elf Linien, 296/1000 des peruanischen Klafters beträgt!" Und ein Deputierter schlägt sogleich den Bogen zum Universellen: "Welche Freude wird es einem Familienvater künftig bereiten, wenn er sagen kann: Das Feld, das meine Kinder ernährt, ist ein bestimmter Anteil der Erdkugel. Ich bin, in ebendiesem Anteil, Mitbesitzer der Welt!"