Von Thomas Schmid

Erst das Ende der Teilung hat vollends sichtbar und zum drängenden Problem gemacht, daß die Deutschen West und die Deutschen Ost einander fremd geworden sind und die Fremdheit vorerst eher noch zunehmen wird. Da beide nun aber das staatliche Gehäuse teilen, müssen sie miteinander ins Benehmen und, wenn irgend möglich, ins reine kommen. Was tun?

Wie fern die Antwort darauf noch ist, macht wider Willen das neue Büchlein des Althistorikers Christian Meier deutlich. Denn was dieser vorzutragen weiß, sind erstens Appelle an den guten Willen und zweitens ein Projekt, das er nicht so recht zu begründen vermag, das der Neubildung der Nation.

Das Buch ist ein einziger Aufruf an die Westdeutschen, sich endlich der verzweifelten Lage der Deutschen Ost bewußt zu werden: nicht nur der materiellen Nöte, sondern vor allem auch der seelischen. Den Bürgerinnen und Bürgern der ehemaligen DDR sind sämtliche bisherigen Sicherheiten abhanden gekommen, ihre bisherige Wirklichkeit ist ihnen buchstäblich weggebrochen, und das führt zu Apathie und Resistenz, zu Unsicherheit und Aggressivität. Paradoxerweiser scheint sich erst jetzt jene "DDR-Identität" herauszubilden, um die das alte Regime so erfolglos bemüht war. Um sie "abschmelzen" zu können, bedürfe es von westdeutscher Seite aus viel Geduld, Großzügigkeit, Solidarität und Gerechtigkeitssinn denen gegenüber, die nach dem Ende des Nationalsozialismus für mehr als vierzig Jahre das schlechtere Los gezogen haben.

Das alles ist ganz vernünftig (wenngleich in einem seltsam fahrigen und oft pastoralen Ton vorgetragen). Dennoch bleibt Christian Meiers Philippika an die Adresse der angeblich so bequemen und hartherzigen Westdeutschen höchst einseitig.

Er charakterisiert diese als besserwisserisch, von der eigenen Vollkommenheit restlos überzeugt und den Problemen der ehemaligen DDR gegenüber gleichgültig.

Durch das ganze Buch zieht sich ein feiner Ton der Diffamierung: Die alte Bundesrepublik erscheint als eine tumbe Wohlstandsfestung, deren Bewohner die glücklichen Kinder der deutschen Teilung sind, nicht teilen wollen und Solidarität nicht kennen. Das beschreibt ohne Zweifel eine Realität dieser Republik, die sich ja nicht aus freien Stücken für Westen und Demokratie entschieden hatte. Doch es gibt auch eine andere Realität: Diese geschenkte Republik wurde angenommen und hat eine ungeahnte zivile Stärke entwickelt. Die Geschichte dieses Staates läßt sich – gerade auch aufgrund einer nie abbrechenden gesellschaftlichen Opposition – als die Geschichte einer nachholenden demokratischen Selbstkonstitution beschreiben.