Von Ulrich Horstmann

Widerborstig und querköpfig war Joris-Karl Huysmans zeit seines Lebens. Als kleiner Beamter im französischen Innenministerium verstand er es, seine Romane auch während der Dienststunden und auf Kanzleipapier voranzutreiben, und obwohl er als gläubiger Katholik starb, hat er doch jenem "Brevier der Dekadenz" nie abgeschworen, das er als Sechsunddreißigjähriger verfaßte. Dem Kultbuch des Fin de siècle – es geistert als existenzuntergrabende literarische Droge unter anderem durch Oscar Wildes "Dorian Gray" – gab er den programmatischen Titel "Gegen den Strich"; und hier ist eine stilsichere, nein eine verführerische Neuübersetzung anzuzeigen, mit der der Bremer Manholt-Verlag, der sich ohnehin große Verdienste um die Wiederentdeckung der Werke Huysmans’ erworben hat, seine Bemühungen krönt.

Die einzelkämpferische Rückbesinnung sollte Schule machen, denn unser Jahrtausendfinale, bei dem es literarisch bisher nur zu halbherzigem apokalyptischem Gequengel, einem abgekupferten New-Age-Chiliasmus und der einen oder anderen ideologischen Verpuffung gereicht hat, müßte uns Millenaristen, gemessen an den kulturellen Verausgabungen des späten 19. Jahrhunderts, die Schamröte ins Gesicht treiben. Unsere Blumen des Bösen sind in der Hydrokultur einer flächendeckenden Literaturförderung ersoffen. Die langueur Verlaines wird unausgegoren in Spielotheken verplempert. Die wegwerfende Handbewegung des Dandys bleibt beim Krafttraining im Fitneßcenter auf der Strecke. Und den Teufelspakt mit der Kunst, über dem in Jugendstillettern L’art pour l’art stand, unterschreibt keiner mehr mit seinem Herzblut, der sich aus Prinzip nur vor laufenden Kameras publikumswirksam zur Ader läßt.

Welcher Trost, daß wenigstens auf den Eskapismus noch Verlaß ist und auf das Sich-taub-Stellen gegenüber dem "Hiergeblieben!" der diversen Literaturvereinnahmer und -verwerter. Jeder Buchdeckel ist nach wie vor eine Falltür, durch die sich der Leser davonstehlen kann. Und wer die Papierklappe mit der Aufschrift "Gegen den Strich" hebt und sich ein Stück die Zeilentreppe hinuntertastet, der kommt schließlich in einem veritablen Elfenbeinturm wieder ans Tageslicht und wird dort vom Herzog Jean Floressas Des Esseintes persönlich in Empfang genommen.

Neben dem Privileg, Hausherr dieses Romans zu sein, verfügt Des Esseintes – "ein graziler junger Mann von dreißig Jahren, blutarm und nervös, hohlwangig und mit einem doppelsinnigen, zugleich gelangweilten und gerissenen Ausdruck" – über eine grundsolide finanzielle Ausstattung, eine hoffnungslos degenerierte aristokratische Erbmasse sowie jene gut zweihundertundfünfzig Seiten, die er einsetzt, um sich des Großteils seines Vermögens sowie der Reste geistiger Normalität zu entledigen. Denn Huysmans’ morbider Antiheld ist ein Verächter der "vulgären Realität der Tatsachen". Er fiebert nach Welten, die "nur den zerrütteten, geschärften, von einer Nervenkrankheit gleichsam visionär gewordenen Gehirnen" zugänglich werden. Und er erkundet sie – in Begleitung des Lesers – mit einer endlos vibrierenden und aufopferungsvollen Überspanntheit, die wohl selbst Väterchen Oblomow Respekt und Bewunderung abgenötigt hätte.

Wie jener gegensätzlich Gepolte und lethargisch Entrückte, so ist auch Des Esseintes ein Verweigerungskünstler, der sich den Zumutungen des Alltags entzieht und den standesgemäßen Routinen nicht mehr gewachsen ist, gleich ob es sich um "mondäne Abendgesellschaften, Pferderennen, Kartenpartien oder die im voraus bestellte und pünktlich Schlag Mitternacht in einem rosafarbenen Boudoir servierte Liebe" handelt. Der Einfalt des Lebenslustigen und Lebensprallen überdrüssig, hat er sich aus dem gesellschaftlichen Verkehr gezogen und unternimmt das Unmögliche, den Versuch nämlich, "die Wirklichkeit durch den Traum von der Wirklichkeit zu ersetzen". Der Preis dieses aberwitzigen Projekts existenzieller Selbstverkunstung, das Ästhetizismus heißt, ist der auch für Des Esseintes absehbare geistige und körperliche Zusammenbruch, die Prämie eine Geschichte und eine Prosa sondergleichen.

Unerhört die Einfälle, auf die Huysmans’ Stellvertreterfigur ihren Autor bringt. Da gibt es eine Likörorgel, mit der Des Esseintes auf seinen Geschmacksnerven spielt und "im Mund Pfefferminzlikörsoli und Magenbitter- und Rumdous" intoniert. Da verendet eine Schildkröte, deren Panzer der Protagonist aus innenarchitektonischen Erwägungen mit den erlesensten Edelsteinen hat besetzen lassen, unter der Last dieses "gleißenden Luxus". Da entsteht für ein paar Tage ein Treibhausdschungel in der hochkomfortablen Einsiedelei, wobei nur Pflanzen zugelassen sind, die ihre eigene Natürlichkeit dementieren, etwa indem sie menschliche Krankheitssymptome nachahmen: "Die Gärtner brachten noch andere Sorten; diesmal erweckten sie den Anschein einer künstlichen Haut, über die Streifen falscher Venen liefen, und die meisten, wie zerfressen von Syphilis und Lepra, hatten ein fahles, von Röteln marmoriertes, damastartig mit Flechten überwuchertes Fleisch; andere wiesen die hellrosa Färbung von sich schließenden Narben oder den dunklen Ton von frischem Schorf auf; wieder andere waren aufgewellt von einem Brenneisen; noch andere zeigten eine behaarte, von Geschwüren ausgehöhlte und vom Schanker aufgetriebene Epidermis."