Der fanatische Präsident Swiad Gamsachurdia treibt die Georgier ins Unheil

Von Christian Schmidt-Häuer

Tiflis/Georgien, im September

Hemd und T-Shirt werden mir von hinten aus der Hose gerissen, in meine Ärmel krallen sich Fingernägel, der im Rücken kräftig angezogene Gürtel schnürt die Luft ab. So zieht mich ein halbes Dutzend schrill schreiender Frauen von der angelehnten Glastür zurück. Vom Türwärter ermuntert, hatte ich ein paar Worte mit einem der wenigen oppositionellen Abgeordneten führen wollen, die an den geschlossenen Sitzungen des georgischen Parlaments teilnehmen. Die Frauen traktieren mich weiter: "Bürger!" gellt es in das eine Ohr, "Sie haben schon vorhin das Wort unseres Präsidenten in Frage gestellt!"

"Jawohl", tönt es von der anderen Seite, "alles, was Sie aus Moskau verbreiten, ist gelogen. In Wirklichkeit sind Schewardnadse und Gorbatschow heute nacht als die obersten Anführer des Putsches vom 19. August verhaftet worden. Das ist schon amtlich. Ihr eigener Sender, die Stimme Amerikas, hat es um 3 Uhr früh gemeldet. Wir haben es ja immer gewußt." – "Aber in Moskau weiß keine der internationalen Nachrichtenagenturen davon." – "Sie werden es noch erfahren. Und wenn Schewardnadse verhaftet ist, dann wird alles besser."

Es ist Donnerstag, der 19. September. Ein Tag wie jeder andere in diesem Monat in der Kaukasus-Republik, in der die Mehrheit der 3,7 Millionen Georgier von ihrem Präsidenten Swiad Gamsachurdia statt in die Befreiung in die Besessenheit, statt in die Unabhängigkeit in die Unzurechnungsfähigkeit geführt wird. Der 52jährige Sohn des Nationaldichters Konstantin Gamsachurdia, selber Literaturwissenschaftler und Amerikanist, hat am Abend zuvor in der Tat von seinem verbarrikadierten Präsidentensitz aus den Massen versichert, daß Vertreter des Demokratischen Rußland – die er sonst als Chauvinisten abtut – vor 100 000 Moskauern auf Gorbatschow und Schewardnadse als Rädelsführer des Umsturzversuches vom 19. August verwiesen hätten.

Der offensichtliche Verfolgungswahn und der obskure Charme des Präsidenten – zwei Eigenschaften, die auch den Georgier Stalin auszeichneten – haben die 1,3-Millionen-Metropole Tiflis zu einer geteilten Stadt gemacht. Die loyale und die rebellierende Nationalgarde, die bulligen Palastwachen und die buntscheckigen Oppositionsgruppen stehen einander in den gleichen Tarnanzügen und mit den gleichen Freiheitsfahnen, in gleicher Mannschafts- und Lautstärke gegenüber. Noch haben die Kalaschnikows nicht das letzte Wort gesprochen. Noch hat Gamsachurdias Politik nur die Region der Süd-Osseten, eine der Minderheiten unter den insgesamt 5,4 Millionen Georgiern, in ein zweites Libanon verwandelt.