Afghanistan hat einmal die Welt bewegt. Immerhin glaubten die Amerikaner, und nicht nur sie, hier würde ein Bollwerk gegen den Kommunismus verteidigt. Wie seinerzeit in Vietnam. Dabei ging es den Sowjets vor allem um die Sicherung ihrer weichen islamischen Südflanke, in guter russischer Tradition schon seit der Zarenzeit. Als der Kreml 1979 seine Invasionstruppen ins Nachbarland einmarschieren ließ, rivalisierten die beiden Großmächte noch in Stellvertreterkriegen. Heute reden sie miteinander.

Inzwischen ist das vormals strategisch wichtige Scharnierland für die einen entbehrlich und für die anderen zu teuer geworden. In Moskau einigte sich Amerikas Außenminister James Baker mit seinem sowjetischen Kollegen Boris Pankin darauf, von Januar an alle Waffenlieferungen an Afghanistan einzustellen. Washington hatte bis zum Schluß die Mudschaheddin mit ihren alles andere als "heiligen Kriegern" mit jährlich rund 300 Millionen Dollar finanziert; die bankrotte Sowjetunion subventionierte ihren Statthalter Nadschibullah sogar mit über drei Milliarden Dollar.

Kommt nun, nachdem sich überall so vieles ändert, nach Angola, Äthiopien und Kambodscha auch der Friede für Afghanistan? Die Chancen sind gering. Denn den Afghanen ist jeglicher Wandel zutiefst suspekt. Obwohl es für niemanden mehr stellvertretend Krieg zu führen gilt, hat das Kämpfen längst seine Eigendynamik entwickelt. Denn jetzt geht es wieder, worum es schon immer ging in Afghanistan: Die einen wollen von ihrer Macht nicht lassen, und die anderen wollen endlich an die Macht heran. Eine Million Tote, eine halbe Million Kriegskrüppel, 700 000 Witwen und Waisen, mehr als fünf Millionen (ein Drittel der Bevölkerung) in den Flüchtlingslagern Pakistans und Irans; die Zeit der Greueltaten hat die Menschen verroht und abgestumpft.

Präsident Nadschibullah, der sich seit dem Abzug der sowjetischen Truppen 1989 überraschend gut gehalten hat, muß jetzt möglicherweise seine Tage zählen. Die Nabelschnur nach Moskau ist gekappt. Kabul konnte nur mit sowjetischen Lieferungen überleben: Waffen, Öl, Nahrungsmittel und Geld. Nun steht ein so harter Kriegswinter bevor wie nie zuvor.

Der afghanische Widerstand versucht den Eindruck zu erwecken, er könne das Land in eine friedliche, demokratische Zukunft führen. Dabei ist er heillos zerstritten, zersplittert in Sunniten, Schiiten, Moderate, Fundamentalisten, radikale Eiferer und Angehörige jener fünften Kolonnen, die von Saudi-Arabien, Pakistan und Iran unterstützt werden. Wo der Rest, die im Lande kämpfenden Feldkommandanten, wirklich steht, wird sich erst zeigen, wenn Nadschibullahs Schmiergelder ausbleiben und die Exil-Mudschaheddin ihre Territorialansprüche anmelden.

Ein UN-Friedensplan, der einen Waffenstillstand, Verhandlungen zwischen dem Widerstand und dem Präsidenten, eine Übergangsregierung und allgemeine freie Wahlen vorsieht, liegt auf dem Tisch. Nadschibullah, Moskau und Washington sähen bis zu seiner Durchsetzung gerne den gebrechlichen Exkönig Zahir Schah in Kabul zurück. Vielleicht taugt der widerstrebende Monarch eine Zeitlang wirklich als Integrationsfigur. Aber Bereitschaft zu Versöhnung und Konsens sind noch nie eine hervorstechende afghanische Eigenschaft gewesen. Die Ordnungsvorstellungen anderer wurden bisher noch kein einziges Mal akzeptiert.

Alexander der Große, die Moguln, die Engländer und immer wieder die Russen haben diese bittere Erfahrung ebenso machen müssen wie Pakistan, wo man bis vor kurzem noch von einem islamischen Großreich träumte. Ähnlich wird es wohl den fundamentalistischen Fanatikern gehen, welche die fünf islamischen Sowjetrepubliken mit Afghanistan zu einem Groß-Turkestan vereinigen möchten. Auch wenn sich die übrige Welt im Augenblick rasant verändert, Afghanistan hat seine eigenen, sturen Regeln. Gabriele Venzky