Ribbeck

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, ein Birnbaum in seinem Garten stand..." Wer kennt sie nicht, die Birnbaum-Ballade. Nicht alles, was darin vorkommt, hat sich Fontane aus den Fingern gesogen. Ribbeck gibt es wirklich, eine Autostunde westlich von Berlin, ein 500-Seelen-Dorf, direkt an der B 5. Und Herrn von Ribbeck gibt es auch: Er hört auf den Vornamen Friedrich-Carl und lebt in Frankfurt am Main – kein Schloßherr, sondern Verkaufsleiter in Sachen Büroeinrichtung. Bis auf weiteres zumindest. Denn von Ribbeck will dahin zurück, wo er vor 52 Jahren geboren ist: nach Ribbeck ins Havelland.

Weil es die Karlsruher Richter abgelehnt haben, die Enteignung der Großgrundbesitzer rückgängig zu machen, will der verhinderte Erbe sich jetzt sein Land von der Treuhand zurückkaufen. Mehr als eine halbe Million Mark werde er jedoch keinesfalls zahlen, hat er die Herren in Berlin schon wissen lassen. Ein Spottpreis zwar für 1000 Hektar Wald und 700 Hektar Acker- und Grünland, aber offenbar gar nicht so unüblich, F.-C. von Ribbeck beruft sich bei der Treuhand auf ähnlich gelagerte Fälle – enteignete Junkerkinder, denen Gelegenheit gegeben wurde, sich ihr Erbe zum Vorzugspreis zurückzukaufen. Entledigt sich die Bundesregierung so der Entschädigungszahlungen, die die Verfassungsrichter gefordert haben?

Wie auch immer. Herr von Ribbeck aus Frankfurt am Main hegt ehrenwerte Motive. Er will das Dorf, in dem 750 Jahre lang seine Vorväter das Sagen hatten, wieder zum Blühen bringen. Tourismus, ein bißchen Landwirtschaft, ein bißchen Gewerbe – die Skala seiner Projekte, die er auf einer Gemeindeversammlung in Ribbeck vorgestellt hat, reicht vom Reiterhof bis zur Pizzeria, vom Sägewerk bis zur Käserei. Um dafür das nötige Geld aufzutreiben, hat der Verkaufsleiter aus der Mainmetropole schon Ausschau nach Investoren gehalten. In einem Schreiben an die Treuhand rühmt er sich seiner Kontakte zu Banken aus Frankreich und den USA.

Was den Unternehmungen aber letztlich zum Erfolg verhelfen soll, das ist der klingende Name von Ort und Familiengeschlecht. Der Birnbaum soll gewissermaßen zum eingetragenen Markenzeichen für Geschäfte nach Gutsherrenart werden. Dabei steht es mit dem legendären Gewächs in Ribbeck wahrlich nicht zum besten. Den alten Balladen-Baum hat schon 1911 der Wind gefällt. Seinen hohlen Stumpf, der von einer Eisenfessel zusammengehalten wird, führt heute die achtzigjährige Gertrud Wilke hartnäckigen Touristen in ihrem Privathaus vor, das bis 1975 Gasthof war und "Zum Birnbaum" hieß. An der Stelle, an der der alte Birnbaum gestanden hat – direkt neben der Kirche über dem Grab des vermeintlichen Wohltäters –, hat vor ungefähr zehn Jahren ein Förster einen neuen gepflanzt. Aber zum Leidwesen der Ribbecker und der vielen Fremden, die an den Ort ihrer Lesebucherinnerungen pilgern, hat der Baum noch keine einzige Frucht hervorgebracht. Der rechte Segen scheint zu fehlen.

Fragt sich, ob eine Gruppe vom Arbeiter-Samariterbund aus Berlin-Spandau mehr Glück mit ihrer Anpflanzung hat. Begleitet von volksfestartigem Trubel – Brause, Bier und Birnenschnaps auch für die Einheimischen, Gesangsverein und Presseauflauf –, hatten die mit Bussen angereisten Städter im vergangenen Jahr auf einer Rasenfläche in der Nähe des Schlosses die "Gräfin von Paris" in die Erde gesetzt. Ein feudaler Name für eine eher bittere Birnensorte! Wohl nicht nur aus diesem Grund stehen die Ribbecker dem Treiben der Spandauer eher kopfschüttelnd gegenüber. F.-C. von Ribbeck meint, sie hätten schon überlegt, das Pflänzchen diskret zu entsorgen. Der Schriftsteller F.-C. Delius hat die bizarre Pflanzaktion jüngst zum Running Gag einer als Buch erschienenen Erzählung gemacht.

Fontane hin, Nostalgie her – den Ribbeckern geht der Birnbaum-Tourismus mächtig auf den Geist. "Die Leute Steigen über jeden Zaun, und die Hunde scheißen alles voll", sagt der Traktorist Klaus Kissmann, der auch den "Herrn aus Frankfurt" vom Hof jagen will, wenn der kommen sollte. Und Bürgermeister Bernd Retzlaff wird nicht müde zu betonen, daß der Ort nicht viel mehr Fremde verkraften kann. Sicher, die Lenin-Straße soll bald Theodor-Fontane-Straße heißen. Aber von einem Café am Kastanienpark, wo sich gerade die Vögel zum Abflug sammeln, will der 37jährige, der schon seit 1984 Bürgermeister ist, nichts wissen. Die "Fontane-Gaststätte" der LPG hält er für vollkommen ausreichend, die Tagesgäste zu bewirten. "Die Säge klemmt jetzt anderswo", sagt er. Gehsteige müßten her, ein Fußgängerüberweg über die Bundesstraße, die mitten durch den Ort führt, Kläranlage, Trinkwasserversorgung. Vor allem müsse die LPG bis zum Jahresende in eine GmbH umgewandelt werden.