Von Matthias Naß

Zu vergeben ist der aufreibendste Job der internationalen Diplomatie. In der New York Times fand sich vor einigen Monaten folgende Stellenbeschreibung: "Gesucht wird ein erfahrener Manager und geübter Kommunikator mit politischem Geschick für die Leitung eines schwerfälligen multinationalen Unternehmens. Das Jahresgehalt beträgt 192 000 Dollar, zu den sozialen Leistungen gehören eine Villa in Sutton Place und die Übernahme der Reise- und Bewirtungskosten. Der Stelleninhaber muß mit einem streitsüchtigen Vorstand und mit 159 anspruchsvollen Anteilseignern auskommen." Gesucht wird, mit anderen Worten, ein neuer Generalsekretär der Vereinten Nationen.

An Bewerbern mangelt es nicht. In New York werden die Namen von mindestens dreißig Diplomaten, Außenministern, Regierungschefs und ehemaligen Präsidenten gehandelt. Sie alle möchten gern Nachfolger von Javier Pérez de Cuéllar werden, wenn der 71jährige Peruaner zum Jahresende ausscheidet. Der Posten an der Spitze der Weltorganisation verheißt Prestige; aber er verspricht auch, nachdem die Ost-West-Konfrontation die Vereinten Nationen nicht länger lähmt, größere politische Gestaltungsmöglichkeiten. Die Gunst der Stunde, heißt es überall in den Regierungskanzleien, verlange einen starken Generalsekretär.

Doch der ist nicht in Sicht. Dabei erlebten die Vereinten Nationen mit dem Ende des Kalten Krieges eine unverhoffte Wiedergeburt. So schrieben die sieben führenden Industrienationen in das Kommuniqué ihres Londoner Gipfels: "Nach unserer Auffassung sind jetzt die Voraussetzungen dafür gegeben, daß die Vereinten Nationen die Hoffnungen und Ideale ihrer Gründerväter in vollem Umfang verwirklichen." Und die Sieben gelobten, "die Vereinten Nationen stärker und wirksamer zu machen, damit die Menschenrechte geschützt, Frieden und Sicherheit für alle gewahrt und Aggressionen abgeschreckt werden können".

Statt jedoch mit der frühen Nominierung eines überzeugenden Kandidaten ein Signal zu setzen, daß es ihnen wirklich ernst ist mit der Stärkung der Weltorganisation, haben sich die Industrieländer und die Staaten der Dritten Welt wieder auf die lustlose Suche nach einem Kompromißkandidaten begeben. Eine Verlegenheitslösung in letzter Minute, so will es die trostlose Tradition in New York. Schon die ersten beiden Generalsekretäre, der Norweger Trygve Lie und der Schwede Dag Hammarskjöld, waren noch zwei Wochen vor ihrer Ernennung bei den meisten Regierungen ein unbeschriebenes Blatt. Und Kurt Waldheim unterließ es wohlweislich, in seinem Lebenslauf zu erwähnen, daß er als Offizier in der deutschen Wehrmacht gedient hatte. Niemand machte sich die Mühe nachzuforschen. Die Art und Weise, wie in der Vergangenheit der UN-Spitzenposten besetzt worden sei, klagte die New York Times, hätte selbst "einem Tante-Emma-Laden zur Schande gereicht".

Vorschriften für ein geordnetes Wahlverfahren gibt es nicht. Artikel 97 der UN-Charta bestimmt lediglich: "Der Generalsekretär wird auf Empfehlung des Sicherheitsrates von der Generalversammlung ernannt." Über die Jahrzehnte haben sich einige ungeschriebene Regeln herausgebildet. So soll kein Staatsangehöriger der fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates (Vereinigte Staaten, Sowjetunion, China, Großbritannien und Frankreich) an der Spitze der Weltorganisation stehen. Und die Fünf haben auch bei der Nominierung des Generalsekretärs ein Vetorecht.

Damit ist die entscheidende Hürde markiert. Wer nicht zugleich den Amerikanern und den Sowjets genehm war, blieb stets chancenlos. Umgekehrt galt: Auf wen sich Moskau und Washington verständigt hatten, der hatte das Rennen schon gemacht. Aber auch die Franzosen spielen mit Hingabe ihre kleine Großmacht-Rolle. Für Paris ist kein Generalsekretär denkbar, der nicht des Französischen mächtig ist. (Als es jüngst hieß, der frühere Außenminister von Uganda, Olara Otunnu, lerne in Paris eifrig Französisch, setzten ihn die Auguren in New York sofort auf die Liste der Bewerber.)