ARD, freitags: "Die lieben Verwandten"

Es ist zum Verzweifeln. Wo Fernsehen schön sein kann, nämlich in der Comedy, ist deutsches Fernsehen schlichtweg fürchterlich. Die raren Ausnahmen bleiben rare Ausnahmen, und insbesondere die Comedy-Serie versinkt gewöhnlich, kaum daß sie anhob, im Sumpf des Unsäglichen.

Die Lieben Verwandten brauchten nicht zu sinken, denn sie krochen seit der ersten Folge klaftertief unter jedem Niveau. Der Name Pfleghar schien ja doch für einen gewissen Schwung zu stehen, auch glaubte man fälschlich dieser Regisseur habe für sein letztes Werk der Muse noch einmal beide Backen geboten. Nichts da. Als habe ein Laientragöde das komische Fach entdeckt, trottelt da eine Handlung und schusselt da ein Dialog vor sich hin, daß man die Sicherheit bewundern muß, mit der jede Komik vermieden und jede Pointe umschifft wird. De mortuis nil nisi bene – gut und schön, doch die Lieben Verwandten ruinieren gar den Respekt vor den Toten.

Die Idee ist in Ordnung. Ins gutbürgerliche Heim eines Ministerialdirigenten platzt die seit zwanzig Jahren verschollene Flippi-Schwester mit Gammler-Gatte und drei Flippi-Gammler-Kindern. Aber anstatt die Geschichte gleich furios abheben zu lassen, werden nach Ankunft der Freaks erst mal umständlich die Verhältnisse zwischen Bruder und Schwester geklärt. Wer von wem gewußt hat, ob und wann Eheschließung und so weiter erfolgt sei – das wird in einer Breite erörtert, als habe es die Golden Girls nie gegeben. Menschenskinder, denkt der hingehaltene Gucker, ist doch piepegal, wann wer wen zuletzt gesehen hat, ich will lachen. Und dann kommt dieser Dialog: "Was habt ihr denn getrieben in all den Jahren?" – "Was heißt getrieben?" – "So’n Wort. Hätt’ auch sagen können: ‚gemacht‘. Also, was habt ihr gemacht?" Die Glotze aus.

In der zweiten Folge kommt’s noch lauer. Die Eindringlinge okkupieren das Badezimmer, und der Hausherr stöhnt: "Ich werde zu spät ins Ministerium kommen." Ich möchte den Ministerialdirigenten erleben, der so einen Satz wirklich ausspricht. Oder den Fleischer, der sagt: "Ich werde zu spät in die Fleischerei kommen", den Schallplattenverkäufer, der sagt: "Ich werde zu spät ins Schallplattengeschäft kommen." Wohin sonst bricht er auf früh am Morgen? "Ich komm’ zu spät, verdammt noch mal", heißt das – unter vollem Verzicht auf das Futurum und die Umstandsbestimmung des Ortes. Selbst ein Akademiker läßt diese Feinheiten beseite, wenn er es eilig hat und pinkeln muß.

Die Comedy-Misere im deutschen Fernsehen scheint mir in erster Linie eine Schwäche des Buchs, also einer nichtfernsehspezifischen Fraktion des Gesamtkunstwerks Comedy zu sein. Die Idee der Lieben Verwandten ist nicht neu, doch passabel, desgleichen der Plot. Auch die Ausstattung mag akzeptiert werden, und die Schauspieler können sich sehen lassen. Dann aber scheitern alle Potenzen am schwerfälligen Text, an überflüssigen Genaunehmereien und erklügelten Gags ohne Brio und Biß.

Daß er "immer alles so eng sehe", mißfällt der tollen Schwester an ihrem faden Bruder. Genau den Vorwurf können wir dem Autorenteam nicht ersparen. Typen und Situationen bringen’s nicht, wenn den one liners Rhythmus und Arg fehlen. In der Comedy ist Fernsehen genauso abhängig vom Text wie das Theater.

Barbara Sichtermann