Der 24 sächsische Staatsminister der Justiz — vom Jahre 1831 an gerechnet, als die erste Landesverfassung Sachsens beschlossen wurde — ist ein aufmerksamer Zuhörer, und seine Antworten und Auskünfte unterscheiden sich im Tonfall deutlich von jener aggressiven Wehleidigkeit, die dem Besucher in Dresden allenthalben begegnet.

Das heißt aber nicht, daß im Gespräch mit dem seit neun Monaten amtierenden Minister nicht auch von Verletzungen und eigenem Verletztsein die Rede war.

Das Justizministerium des neugegründeten Freistaates ist im alten sächsischen Gesamtministerium am Neustädter Eibufer untergebracht. Es wurde von 1904 bis 1906 erbaut und entspricht in seiner Grundstruktur dem Palazzo Schema. Ein breiter Turmaufbau und ein verglastes Treppenhaus; eine dominierende, der Elbe zugewandte Fassade und die vier gehöhten, vorgezogenen Ecken; im Innern eine Ausstattung von imperialer Wucht: über die Zeiten hinweg ein beredtes Zeugnis sächsischen Selbstbewußtseins.

Eine Pförtnerin weist dem Besucher den Weg. Mit einem Sicherheitsbeamten wechsele ich einen Gruß. Das (noch) Provisorische nimmt für sich ein.

Steffen Heitmann erklärt beiläufig, weshalb er auf lästige Vorkehrungen zum Schutz seiner Person verzichtet: Als er vor Jahresfrist mit Gleichgesinnten die Bezirksverwaltung Dresden des Ministeriums für Staatssicherheit auflöste, da waren die anderen noch bewaffnet. Jetzt fühlt er sich nicht bedroht, und wer weiß im übrigen schon etwas Genaues über einen Menschen, der sich in diesen Tagen als Leibwächter empfiehlt.

Eine Stuckdecke — geometrische Jugendstilornamente — zieht den Blick des Eintretenden auf sich. Dann entdeckt er, noch bevor er die nüchterne Möblierung des Raumes wahrnimmt, die Anwesenheit von Kunst in der Gestalt großformatiger Assemblagen. Steffen Heitmann ist mit der Bildhauerin Christine Heitmann verheiratet, und ihre Arbeiten finden hier den notwendigen Raum zum Atmen.

Hinter dem Schreibtisch eine juristische Handbibliothek; eine dunkle Sesselgruppe und ein kleiner Konferenztisch.