Das Los von Zehntausenden deutscher Deserteure im Zweiten Weltkrieg

Von Volker Ullrich

Am 10. und 11. April 1945, jeweils um sieben Uhr morgens, wurden in einer Sandkuhle im Bruckwald am Rande des südbadischen Städtchens Waldkirch fünf junge Soldaten erschossen. Ihr Verbrechen bestand darin, daß sie im Glauben an das bevorstehende Ende des Krieges ihre Truppe verlassen hatten. Sie waren desertiert, hatten aber das lebensgefährliche Pech, von Feldgendarmen wieder aufgegriffen zu werden. Ein Standgericht des in Waldkirch stationierten Oberkommandos der 19. Armee verurteilte die Fahnenflüchtigen kurzerhand zum Tode. Als die Soldaten des Erschießungskommandos die Gewehre anlegten, rief einer der Deserteure: "Nieder mit Hitler! Es lebe Deutschland!" Nach der Exekution wurden die Leichen zum Waldkircher Friedhof geschleift und dort verscharrt.

I. Was in Waldkirch geschah, wiederholte sich an vielen anderen Orten im untergehenden "Dritten Reich". Überall, auch in der Wehrmacht, mehrten sich die Anzeichen eines bevorstehenden Zusammenbruchs. Die Zahl der Desertionen nahm sprunghaft zu. Am 3. März 1945 klagte Propagandaminister Joseph Goebbels in seinem Tagebuch: "Auch das Deserteurunwesen ist bedenklich angestiegen. Man vermutet, daß sich in den Großstädten des Reiches Zehntausende von Soldaten befinden, die angeblich versprengt sind, in Wirklichkeit aber sich vor dem Frontdienst drücken wollen."

Eine rücksichtslose Sofortjustiz sollte die Niederlage noch einmal hinauszögern. Fliegende Standgerichte der Wehrmacht und der SS verurteilten noch in den letzten Kriegstagen Hunderte von Soldaten zum Tode. Sie wurden erschossen oder einfach, am nächsten Baum aufgeknüpft. Die letzten Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungswahns trugen Schilder um den Hals, auf denen zu lesen war: "Ich bin ein fahnenflüchtiger Feigling."

Die genaue Zahl der getöteten Deserteure des Zweiten Weltkriegs ist nicht bekannt und läßt sich wohl auch nicht mehr feststellen, weil viele Unterlagen vernichtet worden sind. Nach Schätzungen der Historiker Manfred Messerschmidt und Fritz Wüllner, die 1987 die erste kritische Darstellung zur Wehrmachtjustiz im "Dritten Reich" vorlegten, wurden 35 000 Urteile wegen "Fahnenflucht" gesprochen, darunter 22 750 Todesurteile. Von diesen wurden etwa 15 000, also 65 Prozent, vollstreckt. Damit übertrafen die Kriegsgerichte die Schreckensbilanz der Sondergerichte und des Volksgerichtshofs bei weitem.

Was veranlaßte die Wehrmachtrichter im Zweiten Weltkrieg zu einer so unnachsichtigen Verfolgung der Deserteure? Wie es scheint, wurden sie hier zum Opfer einer Propagandalüge, der Dolchstoßlegende, die mit dem Trauma des verlorenen Krieges und dem Zusammenbruch des Kaiserreichs untrennbar verknüpft war. Jedenfalls taucht in zahllosen Urteilsbegründungen der Hinweis auf die Situation am Ende des Ersten Weltkrieges auf: "Der erste Weltkrieg ist 1918 verloren worden, weil Tausende von Drückebergern sich hinten herumtrieben, statt sich zur kämpfenden Truppe zu begeben, wie ihre Pflicht es ihnen geboten hätte. Derartige Zustände dürfen in diesem Krieg nicht wiederkehren."