Das Los von Zehntausenden deutscher Deserteure im Zweiten Weltkrieg

Von Volker Ullrich

Am 10. und 11. April 1945, jeweils um sieben Uhr morgens, wurden in einer Sandkuhle im Bruckwald am Rande des südbadischen Städtchens Waldkirch fünf junge Soldaten erschossen. Ihr Verbrechen bestand darin, daß sie im Glauben an das bevorstehende Ende des Krieges ihre Truppe verlassen hatten. Sie waren desertiert, hatten aber das lebensgefährliche Pech, von Feldgendarmen wieder aufgegriffen zu werden. Ein Standgericht des in Waldkirch stationierten Oberkommandos der 19. Armee verurteilte die Fahnenflüchtigen kurzerhand zum Tode. Als die Soldaten des Erschießungskommandos die Gewehre anlegten, rief einer der Deserteure: "Nieder mit Hitler! Es lebe Deutschland!" Nach der Exekution wurden die Leichen zum Waldkircher Friedhof geschleift und dort verscharrt.

I. Was in Waldkirch geschah, wiederholte sich an vielen anderen Orten im untergehenden "Dritten Reich". Überall, auch in der Wehrmacht, mehrten sich die Anzeichen eines bevorstehenden Zusammenbruchs. Die Zahl der Desertionen nahm sprunghaft zu. Am 3. März 1945 klagte Propagandaminister Joseph Goebbels in seinem Tagebuch: "Auch das Deserteurunwesen ist bedenklich angestiegen. Man vermutet, daß sich in den Großstädten des Reiches Zehntausende von Soldaten befinden, die angeblich versprengt sind, in Wirklichkeit aber sich vor dem Frontdienst drücken wollen."

Eine rücksichtslose Sofortjustiz sollte die Niederlage noch einmal hinauszögern. Fliegende Standgerichte der Wehrmacht und der SS verurteilten noch in den letzten Kriegstagen Hunderte von Soldaten zum Tode. Sie wurden erschossen oder einfach, am nächsten Baum aufgeknüpft. Die letzten Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungswahns trugen Schilder um den Hals, auf denen zu lesen war: "Ich bin ein fahnenflüchtiger Feigling."

Die genaue Zahl der getöteten Deserteure des Zweiten Weltkriegs ist nicht bekannt und läßt sich wohl auch nicht mehr feststellen, weil viele Unterlagen vernichtet worden sind. Nach Schätzungen der Historiker Manfred Messerschmidt und Fritz Wüllner, die 1987 die erste kritische Darstellung zur Wehrmachtjustiz im "Dritten Reich" vorlegten, wurden 35 000 Urteile wegen "Fahnenflucht" gesprochen, darunter 22 750 Todesurteile. Von diesen wurden etwa 15 000, also 65 Prozent, vollstreckt. Damit übertrafen die Kriegsgerichte die Schreckensbilanz der Sondergerichte und des Volksgerichtshofs bei weitem.

Was veranlaßte die Wehrmachtrichter im Zweiten Weltkrieg zu einer so unnachsichtigen Verfolgung der Deserteure? Wie es scheint, wurden sie hier zum Opfer einer Propagandalüge, der Dolchstoßlegende, die mit dem Trauma des verlorenen Krieges und dem Zusammenbruch des Kaiserreichs untrennbar verknüpft war. Jedenfalls taucht in zahllosen Urteilsbegründungen der Hinweis auf die Situation am Ende des Ersten Weltkrieges auf: "Der erste Weltkrieg ist 1918 verloren worden, weil Tausende von Drückebergern sich hinten herumtrieben, statt sich zur kämpfenden Truppe zu begeben, wie ihre Pflicht es ihnen geboten hätte. Derartige Zustände dürfen in diesem Krieg nicht wiederkehren."

Die Erfahrung des November 1918 wirkte in der deutschen Militärjustiz nach. Nicht noch einmal wollte sie sich den – tatsächlich unbegründeten – Vorwurf machen lassen, den Auflösungserscheinungen in Heer und Marine nicht wirksam begegnet zu sein. Eine rigorose Abschreckungs- und Verfolgungspraxis sollte – das war die nach 1939 umgesetzte Lehre – jede Neigung zu militärischem Ungehorsam im Keim ersticken und den Krieg gewinnen helfen.

Dabei konnten die Militärrichter der rückhaltlosen Unterstützung der politischen Führung, vor allem Hitlers, sicher sein. Der einstige Weltkriegsgefreite und jetzige Oberbefehlshaber der Wehrmacht hatte bereits in seiner Programmschrift "Mein Kampf" keinen Zweifel daran gelassen, welches Schicksal Deserteuren künftig zugedacht war: "Will man schwache, schwankende und feige Burschen ... zu ihrer Pflicht anhalten, dann gibt es von jeher nur eine Möglichkeit: Es muß der Deserteur wissen, daß seine Desertion gerade das mit sich bringt, was er fliehen will. An der Front kann man sterben, als Deserteur muß man sterben."

Die juristische Grundlage für diese Abschreckungsdoktrin war bereits wenige Monate nach der Machtergreifung mit dem Gesetz zur Wiedereinführung der Militärgerichtsbarkeit am 12. Mai 1933 gelegt worden. Durch mehrere Novellierungen wurde in den folgenden Jahren das Militärstrafgesetzbuch von 1872 den "neuen Erfordernissen" – wie es hieß – angepaßt. Für die Militärjuristen eröffnete sich damit ein weites Aufgabenfeld. Besonders hervor tat sich dabei schon vor dem Kriege der in Marburg lehrende Militärstrafrechtler Professor Erich Schwinge. In einem vielbenutzten Kommentar zum Militärstrafgesetzbuch von 1936 schrieb er: "Beherrschende Stellung kommt im Wehrstrafrecht demjenigen allgemeinen Gesichtspunkt zu, ohne den der innere Zusammenhalt der Truppe und die Schlagkraft der Wehrmacht nicht gewährleistet werden kann: dem Gedanken der Mannszucht."

Aufrechterhaltung der "Mannszucht" – das war die Leitmaxime der Militärjustiz im "Dritten – Reich", und das hieß: bedingungslose Anerkennung der auf Befehl und Gehorsam beruhenden militärischen Disziplin. Wer sich ihr nicht unterwarf, sollte unerbittlich bestraft werden.

Das Instrumentarium dazu lieferte die "Kriegssonderstrafrechtsverordnung" – kurz KSSVO –, die Ende August 1939, also kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, in Kraft trat. Sie enthielt den berüchtigten Paragraphen 5 ("Zersetzung der Wehrkraft"), der grundsätzlich die Todesstrafe forderte und nur in minder schweren Fällen Zuchthaus- oder Gefängnisstrafen vorsah.

Wenige Monate später, Anfang November 1939, wurde noch ein Paragraph 5a nachgeschoben, der ein reiner Strafschärfungsparagraph war: "Personen, die dem Kriegsverfahren unterliegen, sind wegen strafbarer Handlungen gegen die Manneszucht oder das Gebot soldatischen Mutes unter Überschreitung des regelmäßigen Strafrahmens mit Zuchthaus bis zu fünfzehn Jahren, mit lebenslangem Zuchthaus oder mit dem Tode zu bestrafen, wenn es die Aufrechterhaltung der Manneszucht oder die Sicherheit der Truppe erfordert."

Damit erhielten die Wehrmachtrichter gewissermaßen eine Generalvollmacht, um das Strafmaß nach Belieben auszuweiten. Professor Schwinge lobte denn auch die neuen Bestimmungen, weil es dadurch möglich geworden sei, "in jedem Einzelfall ... bis zur Todesstrafe zu gehen".

Und nach diesem Grundsatz verfuhren die Juristen in Uniform, unter anderem Schwinge selber, der seit Anfang 1941 als Kriegsgerichtsrat der Reserve beim Gericht der Division Nr. 177 in Wien tätig war. Bis kurz vor Kriegsende befleißigte er sich einer gnadenlosen Abschreckungsjustiz. So verurteilte er noch im Februar 1945, nunmehr im Rang eines Oberstabsrichters, einen Obergefreiten, der sich durch Selbstverstümmelung einem neuerlichen Fronteinsatz hatte entziehen wollen, zum Tode. Das Urteil sei hier exemplarisch für viele andere ähnliche Fälle zitiert:

"Bei der Strafzumessung hatte sich das Kriegsgericht die Frage vorzulegen, ob noch ein minder schwerer Fall im Sinne des 2. Absatzes des § 5 der KSSVO angenommen werden könne. Obwohl vieles dafür sprach, nämlich die Unbescholtenheit des Angeklagten, seine sehr gute Führung in der Truppe, die Reue, die er über sein Vergehen zeigte, das Geständnis, das er schon im Ermittlungsverfahren abgelegt hat, der sehr gute Eindruck, den er bei Gericht hervorgerufen hat, schließlich auch der Umstand, daß er von drei Söhnen der einzige Überlebende ist –, war das Gericht der Meinung, daß die außerordentlich heikle Ersatzlage es in Fällen der vorliegenden Art generell verbietet, Milde walten zu lassen ... Einer solchen Pflichtwidrigkeit kann im Interesse der Mannszucht nur mit dem schärfsten Strafmittel – der Todesstrafe – begegnet werden."

Wie Schwinge verstanden auch die meisten anderen Kriegsrichter ihr tödliches Handwerk als notwendige "Reinigungsarbeit". Sie richtete sich gegen die "Wehrmachtschädlinge" (wie die in Anlehnung an den Begriff "Volksschädling" kreierte Bezeichnung lautete). Als solche galten alle Soldaten, die sich in irgendeiner Weise unbotmäßig zeigten, vor allem aber jene, die der Wehrmacht den Rücken kehrten, die Deserteure.

Für die Richter war klar, daß es sich bei den meisten von ihnen nur um abnorm oder kriminell veranlagte, "minderwertige" Personen handeln könne. "Nicht die unüberlegte, aus einer plötzlichen Erregung heraus begangene eigenmächtige Entfernung, sondern der wohldurchdachte und auf lange Sicht vorbereitete Plan zur Fahnenflucht weist auf eine entartete, verräterische Gesinnung hin. Unter diesen Merkmalen wird der Deserteurtyp ... sich oft mit dem Volksverräter verbinden", hieß es in einer Schrift zur Fahnenflucht im Wehrstrafrecht aus dem Jahr 1940.

Zweifellos war dieser "Deserteurtyp" eine Erfindung der Wehrmachtrichter. Sie bot die Rechtfertigung für eine Spruchpraxis, die nicht mehr nach den individuellen Beweggründen der Täter fragte, sondern nur noch auf Abschreckung setzte. Deshalb erfährt man aus den Akten der Kriegsgerichte zumeist nur wenig über die wahren Motive der Deserteure, zumal diese selber auch keinen Grund hatten, vor Gericht offen darüber Auskunft zu geben. Vielmehr mußten sie, um ihr Leben zu retten, alles verbergen, was womöglich auf oppositionelle Einstellungen hindeuten konnte. Für den Historiker heißt das, daß er die Akten der Militärjustiz nur mit großer Vorsicht, also gleichsam gegen den Strich, lesen darf und daß er sie mit anderen Quellen, vor allem mit Berichten von Zeitzeugen, kombinieren muß, um ein einigermaßen zuverlässiges Bild zu erhalten.

II. Erst in den letzten Jahren haben Forscher auf lokal- und regionalgeschichtlicher Ebene damit begonnen, den Schicksalen von Deserteuren im Zweiten Weltkrieg nachzugehen. Dabei zeigt sich ein breites Spektrum sehr unterschiedlicher lebensgeschichtlicher Vorprägungen und individueller Motive.

Bei manchem Deserteur waren die politische Herkunft aus einem sozialdemokratischen oder kommunistischen Elternhaus und frühe Erfahrungen mit dem Naziterror entscheidend für die Absage an Hitlers Krieg. Nicht wenige Deserteure hatten bereits eine unbotmäßige Vergangenheit hinter sich, bevor sie mit der Wehrmachtjustiz in Konflikt gerieten. Häufig waren sie in Waisenhäusern und Fürsorgeanstalten aufgewachsen. Sie galten als gesellschaftliche Außenseiter, unbequeme Störenfriede, die sich trotz wiederholter Strafen nicht in die "Volksgemeinschaft" einfügen wollten. Wer auf diese Weise bereits vor 1939 als "asozial" abgestempelt war, dem mußte es im Krieg doppelt schwer fallen, sich dem militärischen Zwang von Befehl und Gehorsam zu unterwerfen.

Eine oppositionelle politische Gesinnung oder eine gesellschaftliche Außenseiterrolle allein waren indes noch nicht ausschlaggebend für den Entschluß, der Wehrmacht den Rücken zu kehren. Dazu bedurfte es in der Regel bestimmter Schlüsselerlebnisse während des Krieges, etwa die Verhaftung und Verurteilung eines Kameraden durch die Militärjustiz, ungerechte oder schikanöse Behandlung durch Vorgesetzte, Furcht vor disziplinarischer Verfolgung oder Nachrichten über Bombenangriffe in der Heimat und den Tod von Familienangehörigen.

Tausende deutscher Wehrmachtangehöriger wurden im Kriege zu Zeugen der von Einsatzgruppen der Polizei und der SS in Polen und der Sowjetunion verübten Massaker an der jüdischen Bevölkerung. Für manchen Soldaten wurde dieses Erlebnis zum entscheidenden Bruch mit Wehrmacht und Regime – so für den Deserteur Stefan Harder, dessen Mutter Polin war und der als 23jähriger Funker in Weißrußland eine Erschießung von 2000 Juden beobachtet hatte. In einem im Mai 1943 in der Untersuchungshaft verfaßten Lebenslauf berichtete er über seinen Entschluß zur Desertion:

"Mich überfielen wieder mit aller Macht die Sorge und Angst um meine Mutter, die Erinnerung an das schreckliche Erlebnis in Weißrußland und die Scham, daß wir, das kulturellste Volk der Welt und eine so ehrenvolle Armee, wie die deutsche es doch ist, so entsetzliche Mittel anwenden müssen, um ein politisches Problem zu lösen. Ganz verwirrt und innerlich gebrochen, entschloß ich mich, vorläufig nicht zur Truppe zurückzukehren."

Gewiß, für viele desertierende Soldaten, wahrscheinlich die meisten, spielte Angst eine große, wenn nicht gar bestimmende Rolle. Sie entsprang der entsetzlichen Wirklichkeit eines Krieges, in dem das tausendfache Sterben zur alltäglichen Erfahrung gehörte. Der Wunsch, das eigene Leben zu retten, darf jedoch nicht verwechselt werden mit Feigheit vor dem Feind oder moralischer Schwäche – wie die Vorwürfe der Kriegsrichter lauteten. Im Gegenteil: Sich dem militärischen Konformitätsdruck zu entziehen, gegen Fahneneid und Kameradschaft zu stellen – dazu gehörte viel Mut, persönliche Stärke, vor allem aber auch eine noch nicht zerstörte Wahrnehmungsfähigkeit für das Unrecht, das der von Hitler-Deutschland angezettelte Krieg darstellte.

Wer sich zur Fahnenflucht entschloß, dem war bewußt, mit diesem Schritt die Brücken hinter sich abgebrochen, ein lebensgefährliches Wagnis und eine befreiende Tat zugleich unternommen zu haben. Otl Aicher, der kürzlich verstorbene Graphiker und Designer, hat dieses ambivalente Lebensgefühl des Deserteurs in seinen Erinnerungen Innenseiten des Kriegs" so beschrieben: "Ich habe mich ausgestoßen, und ich bin ein Ausgestoßener Ich habe mich von der Truppe abgesetzt und entziehe mich diesem Staat. Mit Bewußtsein; mit Absicht, mit nüchternem Kopf. In ihren Augen bin ich ein Verräter. Trotzdem bleibe ich selbstbewußt genug zu sagen, nicht ich bin ein Verräter, der Staat ist es."

Für den Deserteur gab es zwei Möglichkeiten: Er konnte versuchen, zum Kriegsgegner überzulaufen, was keineswegs ohne Risiken war. Denn die Gefahr, von den eigenen oder der feindlichen Truppe unter Beschuß genommen zu werden, war groß.

Der andere, häufiger gewählte Weg war der Versuch, sich rückwärts von der Front abzusetzen und in der Heimat unterzutauchen. Das bedeutete den Schritt in eine illegale Existenz. Diese aber zog zwangsläufig eine Reihe von Folgedelikten nach sich: Lebensmittelkarten und Freifahrtscheine mußten beschafft, Soldbücher und Ausweise gefälscht, militärische Rang- und Ehrenabzeichen manipuliert, Fahrräder gestohlen werden. Nicht selten fanden Deserteure Unterstützung bei Frauen, die sie während der Flucht kennengelernt hatten; manchmal gewährten auch Familienangehörige Unterschlupf, obwohl sie sich damit der "Beihilfe zur Fahnenflucht" strafbar machten.

Deserteure genossen die wiedergewonnene Freiheit und lebten doch zugleich in ständiger Angst, von der Feldgendarmerie gefaßt zu werden: "Man war immer ein gehetztes Wild. Mitunter hatte ich richtige Alpträume. Ich wurde nachts wach und dachte: Hast du nicht ein Klopfen an deiner Tür gehört?" berichtet der Deserteur Joachim Schuchardt, der ebenso wie Stefan Harder das Glück hatte, sein Todesurteil zu überleben.

Tatsächlich gelang es nur wenigen Deserteuren, sich länger als einige Monate verborgen zu halten. Schon bei ihrer Verhaftung, noch mehr aber während der Kriegsgerichtsverhandlung wurden sie einer entwürdigenden Prozedur unterworfen. Sie sahen sich hier Richtern ausgeliefert, die ihnen gegenüber voreingenommen waren und sie oftmals mit Schmähungen und Beschimpfungen bedachten. Das Gefühl völliger Ohnmacht angesichts eines erdrückenden Gewaltapparats war eine Erfahrung, die fast alle Angeklagten vor den Tribunalen der Militärjustiz machen mußten.

Aber selbst beim Vollzug der Strafe setzten sich die Demütigungen fort. Häufig wurden die Soldaten, die zum Tode verurteilt worden waren, im Angesicht der Truppe hingerichtet, um die Abschreckungswirkung zu erhöhen. Abgelegene Plätze, aber auch Kasernenhöfe und Schießstände mitten in bewohnten Gebieten dienten als Exekutionsstätten. Wie eine solche Hinrichtung vor sich ging, schildert in dürren Worten das Protokoll über die Erschießung des Kanoniers Wilfried Habermehl am 8. Mai 1944 in Verona:

"Der Verurteilte stand um 18 Uhr 21 auf dem Richtplatz. Er wurde an den Richtpfahl gebunden. Die Augen wurden ihm verbunden. Die angetretene Einheit stand auf das Kommando mit Gewehr über‘ still. Der richterliche Militärjustizbeamte las dem Verurteilten die Urteilsformel und die Bestätigungsverfügung vor. Er fragte, ob er noch etwas zu erklären habe. Der Verurteilte erklärte nichts. Der Geistliche erhielt letztmalig Gelegenheit zum Zuspruch. Das Vollzugskommando von 10 Mann war 5 Schritte vor dem Verurteilten aufgestellt. Das Kommando ‚Feuer‘ erfolgte um 18 Uhr 25. Der Verurteilte starb gefaßt. Der Sanitätsoffizier stellte den Tod um 18 Uhr 27 fest. Die Leiche wurde auf Weisung des Leiters der Vollstreckung weggeschafft."

War, was seltener vorkam, die Vollstreckung des Todesurteils durch Enthaupten oder Erhängen angeordnet, fanden die Hinrichtungen in Zuchthäusern oder anderen Haftanstalten statt. An die Stelle des Exekutionskommandos trat dann der Henker. Öffentlichkeit war in diesem Fall ausgeschlossen. Über die mit der Präzision eines Uhrwerks vollzogene Enthauptung eines Deserteurs im Zuchthaus Brandenburg am 24. Juli 1944 lesen wir in einem Protokoll: "Die Vollstreckungshandlung dauerte: vom Zeitpunkt der Vorführung bis zur Übergabe an den Scharfrichter 1 Minute; von der Übergabe an den Scharfrichter bis zur vollendeten Vollstreckung 5 Sekunden. Um 13 Uhr 26 Minuten 5 Sekunden war die Vollstreckungshandlung beendet."

Selbst nach der Hinrichtung der Deserteure war der Rachedurst der Verfolgungsorgane noch nicht gestillt. Die Getöteten durften nur in größter Heimlichkeit, ohne Todesanzeige und öffentliche Trauerfeier, beigesetzt werden. Nicht selten weigerten sich die Behörden gar, die Leichen für eine Bestattung am Heimatort freizugeben. So wurde die entsprechende Bitte einer Mutter aus Erfurt, deren desertierter Sohn im August 1943 im Zuchthaus Brandenburg enthauptet worden war, mit der Begründung abgelehnt, "daß auch die Soldaten an der Front – jedenfalls solange der Krieg währt – von ihren Angehörigen nicht zurückgeholt und in der Heimat beigesetzt werden können".

Die mit dem Leben davongekommenen Deserteure wurden in der Regel zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt. Sie galten damit als "wehrunwürdig", das heißt, sie wurden aus der Wehrmacht ausgeschlossen und einem der berüchtigten Straflager der Reichsjustizverwaltung in den Mooren des Emslandes überstellt – nach Esterwegen oder Börgermoor zum Beispiel.

Welchen Haftbedingungen sie hier ausgesetzt waren, hat der Deserteur Hans Frese in seinen 1989 erschienenen Erinnerungen eindrucksvoll geschildert: "Ich sehe Leute, die aus Verzweiflung in den mit tausend Volt geladenen, jedes Lager umzäunenden Drahtzaun laufen Andere lassen sich von der Heidebahn die Finger abfahren, nur um ins Lazarett zu kommen, Schläge, Hunger, Verzweiflung, Arrest, daraus besteht unser Leben."

Etwa 25 000 bis 30 000 Wehrmachtangehörige wurden im Laufe des Krieges in die Emslandlager geschickt; wie viele von ihnen an den unmenschlichen Behandlungsmethoden zugrunde gingen, ist bis heute unbekannt.

Als seit 1941 die Verluste an der Ostfront ein immer größeres Ausmaß annahmen, begannen die Militärbehörden, aus den Insassen der Straflager und Zuchthäuser Soldaten als "bedingt wehrwürdig" zu rekrutieren und in besonderen "Bewährungsbataillonen" zusammenzufassen. Diese wurden bevorzugt zu "Himmelfahrtskommandos" an der Front eingesetzt. Das Überlaufen zum Gegner war in diesen scharf bewachten Verbänden noch schwieriger als bei den regulären Fronttruppen. Einigen gelang es trotzdem – dem Sozialdemokraten Ludwig Gehm zum Beispiel, der Ende 1944 zu den griechischen Partisanen überlief, um mitzuhelfen bei der Beseitigung des Nationalsozialismus: "Wir konnten diese Sache unmöglich allein den Alliierten überlassen und von ihnen erwarten, daß sie uns befreiten, ohne daß wir selbst etwas dazu täten, womöglich nur dabeistanden und zusahen."

III. Auch nach der Befreiung vom Nationalsozialismus wirkte das Stigma fort, das Militärjustiz und Propaganda des NS-Staates den Deserteuren angeheftet hatten. Nicht nur die Angehörigen der hingerichteten Deserteure, auch jene, die den Fängen der Wehrmachtjustiz entronnen waren, schwiegen sich über das im Kriege Erlebte aus. Einer der wenigen, die den Mut fanden, das Schweigen zu durchbrechen, war der Schriftsteller Alfred Andersch, der im Sommer 1944 an der italienischen Front desertiert war. In seinem autobiographischen Bericht "Kirschen der Freiheit" aus dem Jahre 1952 bekannte er sich uneingeschränkt zu seiner Fahnenflucht und zog damit heftige Kritik auf sich.

Als "Trompetenstoß in schwüler Stille" und eine "Wohltat für jeden, der nach 1933 das Denken nicht vergaß", pries hingegen Heinrich Böll das Werk seines Schriftstellerkollegen, und er stellte die Frage: "Wo sind die Eltern, sind die Freunde, die Brüder und Schwestern dieser erschossenen Deserteure, deren Leichen man auf die Schwelle des Friedens häufte? ... Haben sie Angst vor den gründlich ihnen eingeimpften Phrasen, die Fahneneid, Vaterland und Kameradschaft heißen?"

Tatsächlich war im öffentlichen Gedächtnis der Republik, die sich bereits zehn Jahre nach dem verlorenen Krieg anschickte, eine neue Streitmacht aufzubauen, für die Opfer der Militärjustiz kein Platz. Ihnen blieb nicht nur die politisch-moralische Anerkennung versagt, sie wurden auch – sofern sie überlebt hatten – von Entschädigungsansprüchen weitgehend ausgeschlossen. Die Wiedergutmachungsämter gingen – unterstützt durch höchstrichterliche Entscheidungen – davon aus, daß die kriegsgerichtlichen Urteile rechtlich unanfechtbar seien, und nicht selten wurden auch noch nachträglich die bestraften Handlungen moralisch mißbilligt. So verwundert es nicht, daß viele Betroffene gar nicht erst versuchten, einen Antrag auf Entschädigung zu stellen, zumal dieser nur dann Aussicht auf Erfolg versprach, wenn der zweifelsfreie Nachweis erbracht werden konnte, daß die Fahnenflucht aus politischer Gegnerschaft zum NS-Regime erfolgt war.

Während die Opfer der Militärjustiz nach 1945 weiter diskriminiert wurden, kamen die Täter, über 3000 Wehrmachtrichter, ungeschoren davon. Nur ganz wenige unter ihnen mußten sich vor westdeutschen Gerichten verantworten; die Prozesse endeten mit Freisprüchen – bis auf eine Ausnahme: Im Juni 1948 wurde der ehemalige Stabsrichter Adolf Holzwig, der noch nach der Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 drei Matrosen wegen Fahnenflucht hatte hinrichten lassen, vom Landgericht Hamburg zu einer Strafe von zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Allerdings wurde er dann doch noch freigesprochen, nachdem der Bundesgerichtshof in einem Grundsatzurteil von 1952 festgestellt hatte, daß ein Richter sich nur dann strafbar gemacht habe, wenn er "bewußt oder gewollt gegen das Recht" verstoßen habe – also ausschließlich bei "vorsätzlicher Rechtsbeugung".

Sachverständiger Gutachter im Verfahren gegen Holzwig war Erich Schwinge, der nach 1945 seine Karriere ungestört fortsetzen konnte. Schon im Wintersemester 1946/47 bekam er wieder eine Professur in Marburg, 1954 wählte ihn die dortige Universität zu ihrem Rektor; zeitweilig bekleidete er auch das Amt eines stellvertretenden Landesvorsitzenden der hessischen FDP. Mehr noch: Schwinge sorgte mit seiner rastlosen Publikationstätigkeit auch dafür, die Geschichtsschreibung über die Militärgerichtsbarkeit im Zweiten Weltkrieg nachhaltig zu beeinflussen. Danach erschienen die Militärrichter geradezu als letzte Hüter der Rechtsstaatlichkeit, die den Anforderungen des NS-Regimes wacker widerstanden hatten.

Auf dieses geschönte Bild warf allerdings die Affäre um den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger im Jahre 1978 tiefe Schatten. Ausgelöst wurde sie durch eine Leseprobe aus einer unveröffentlichten Erzählung Rolf Hochhuths (veröffentlicht in dieser Zeitung am 17. Februar 1978), in der auch Filbingers Tätigkeit als Marinerichter im Zweiten Weltkrieg kritisch beleuchtet wurde. Unter anderem hatte der "furchtbare Jurist" – wie ihn Hochhuth titulierte – im Januar 1945 als Vertreter der Anklage gegen den 22jährigen Matrosen Walter Gröger die Todesstrafe beantragt, die dann auch in seinem Beisein im März 1945 vollstreckt wurde. Allmählich kamen immer mehr belastende Details zutage. Wochenlang beschäftigte sich die Presse mit dem Fall; die Militärjustiz insgesamt geriet ins Zwielicht. Filbinger, uneinsichtig bis zuletzt auf dem Standpunkt beharrend: "Was damals rechtes; war, kann heute nicht Unrecht fein", mußte schließlich, von drängt, zurücktreten.

IV. Die Filbinger-Affäre lenkte den Blick auf die Täter; die Opfer des Unrechts blieben indessen weiter im Schatten. Hier sorgten erst die achtziger Jahre für einen Wandel. Initiativen der Friedensbewegung, Vertreter der sich um Geschichtswerkstätten sammelnden historischen Alltagsforschung, Kommunalpolitiker der Grünen und hier und da auch der SPD drängten immer nachdrücklicher darauf, den Deserteuren und anderen ungehorsamen Soldaten im "Dritten Reich" endlich die lange verweigerte öffentliche Anerkennung zuteil werden zu lassen.

Den Anfang machte Kassel. Dort faßte eine Koalition aus SPD und Grünen in der Stadtverordnetenversammlung gegen die Stimmen der CDU und FDP 1985 den Beschluß, im Ehrenmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege eine Gedenktafel anzubringen, welche die Aufschrift trägt: "Zur Erinnerung an die Soldaten des Zweiten Weltkrieges, die in der Fortführung des Krieges keinen Sinn mehr sahen und dafür verfolgt, eingekerkert und getötet wurden."

Die Kasseler Initiative fand inzwischen vielerorts Nachahmung: in Bremen, Darmstadt, Göttingen, Bonn, Ulm, ja sogar in Potsdam (der Traditionsstadt des preußischen Militarismus) wurden Denkmäler für Deserteure errichtet, Gedenktafeln enthüllt oder Straßen nach Opfern der Militärjustiz benannt. Im "Fort Zinna" in Torgau, dem berichtigten ehemaligen Wehrmachtgefängnis, soll ein Dokumentations- und Informationszentrum entstehen, das die Erinnerung an die Verbrechen der Wehrmachtjustiz wachhält.

Solche Vorhaben waren und sind in der Regel von heftigen politischen Auseinandersetzungen begleitet. Denn der Männer zu gedenken, die nein zum Krieg sagten und sich der Wehrmacht entzogen, erscheint vielen auch heute noch als Zumutung; manche sehen darin eine Untergrabung des "Wehrwillens" und fürchten um den Bestand der Bundeswehr. Beispielhaft sei hier der Leserbrief eines Brigadegenerals der Bundeswehr aus Münden zitiert, abgedruckt in der Süddeutschen Zeitung: "Fahnenflucht ist eine verwerfliche Handlung. Sie ist das schmähliche, gemeine ‚Im-Stich-Lassen‘ der eigenen Kameraden, ... das Verraten unseres Volkes um persönlicher Vorteile, um der Eigensucht und Feigheit willen. So ist ein Denkmal für Deserteure’ für mich ein ‚Denkmal des unbekannten Drückebergers‘ und das Monument unserer verhöhnten Rechtsordnung."

Eine gänzlich entgegengesetzte Position vertritt etwa die Theologin Dorothee Sölle. Auf einer Veranstaltung in Bonn am 1. September 1989 zur Ehrung der unbekannten Deserteure erklärte sie: "Wir ehren die Deserteure, indem wir auf ihre Stimme hören, ihr Nein ernst nehmen und ihre Verweigerung als produktiv ansehen. Wir fangen in unserem Land ja erst an, eine pazifistische Kultur des Widerstands aufzubauen. Wir müssen die Formen unserer Fahnenflucht erst lernen. Eine Bundesrepublik ohne Armee wäre ein Ergebnis der großen Desertion von der immer noch wehenden falschen Fahne, dann könnten wir uns endlich mit aller Kraft dem Überleben auf dem kleinen Erdball widmen." Wie immer man sich zu diesen beiden, gewiß extremen Positionen verhält – über eines

sollte Einverständnis möglich sein: darüber, daß die Frage der Bewertung der Desertion im Zweiten Weltkrieg sich nicht trennen läßt vom Charakter dieses Krieges, der von Anfang an auf die Unterjochung und Vernichtung ganzer Völker zielte. Angesichts dieser verbrecherischen Dimension des Krieges war "Wehrkraftzersetzung" oder "Fahnenflucht", war überhaupt jede Form der Verweigerung eine achtenswerte, moralisch gebotene Handlung.

Dies anzuerkennen heißt nicht, daß man alle Soldaten, die diesen Schritt nicht taten, verunglimpfen sollte. Und schon gar nicht bedeutet es, daß man die Deserteure nun allesamt zu "Helden" verklären oder aus ihnen "Widerstandskämpfer" machen sollte. Die Akte der Widersetzlichkeit und des Ungehorsams in der Wehrmacht entsprangen nur in Ausnahmefällen einer dezidiert politischen Gegnerschaft gegen das Hitler-Regime. Auch wenn sie in der Regel nicht politisch motiviert waren, besaßen sie jedoch eine politische Qualität insofern, als sie Sand im Getriebe der NS-Kriegsmaschinerie waren. Jeder Soldat, der sich – aus welchen Gründen auch immer – im Zweiten Weltkrieg den Streitkräften Hitlers entzog, verdient deshalb unseren Respekt.

Den noch lebenden Opfern der NS-Militärjustiz und den Hinterbliebenen der hingerichteten Deserteure kann das Urteil des Kasseler Bundessozialgerichts eine Ermutigung sein, endlich ihre Stimme zu erheben und die ihnen bislang verweigerte Entschädigung einzufordern. Vor einer Woche wurde in Bremen das Büro der Bundesvereinigung für Opfer der NS-Militärjustiz eröffnet; die Vereinigung war im vergangenen Jahr von dem Deserteur Ludwig Baumann gegründet worden und hat schon viel Zuspruch gefunden. Ihren Mitgliedern wie allen Opfern der Militärjustiz bleibt nun zu wünschen, daß die bundesdeutschen Gerichte dem Verlangen nach Entschädigung nicht neue bürokratische Schikanen in den Weg legen.