Von Iris Radisch

Maurice Blanchot verbeugt sich vor der „bitteren Schönheit“ seines Werks. Yves Bonnefoy zählt seine Bücher zu den „schönsten und notwendigsten“, die je in Frankreich geschrieben wurden. In Le Monde steht er auf der ersten Seite (der Literaturbeilage). Bei uns kennt ihn keine Seele: Louis-Rene des Forêts.

Zwar erschien 1968 im Münchner Kösel-Verlag sein schmaler Monologband „Der Schwätzer“, immerhin als erster Band der legendären, von Friedhelm Kemp herausgegebenen Reihe „contemporains“ (und wurde 1983 bei Klett-Cotta neu aufgelegt). Doch das war alles. Louis-Rene des Forêts blieb in Deutschland ein Unbekannter. Denn ihn interessiert, was deutschen Lesern unheimlich ist: das passionierte Schweigen.

In den vier Erzählungen „Das Kinderzimmer“, die in Frankreich 1960 erschienen, sofort den Kritikerpreis erhielten und nun auf deutsch vorliegen, haben drei Helden ein Schweigegelübde abgelegt, der vierte verliert seine Stimme. Das begeistert die französische Kritik. Denn über das Schweigen läßt sich viel sagen.

Louis-Rene des Forêts will seine Leser nicht erfreuen. Er verachtet die Schriftsteller, die „unter dem Vorwand, die sinnlichen Kräfte des Lesers zu reizen, im Verworrenen und Willkürlichen plätschern wie Enten im Wasser“. Seine Erzählungen glänzen durch eine eigenwillige Mattheit. Meist dreht sich alles um einen Schweiger, der durch Sprechen zum Sprechen gebracht werden soll, was ein hemmungsloses Gerede zur Folge hat, das zu nichts führt.

In der Titelerzählung belauscht ein Mann in ohnmächtiger Spannung hinter einer halboffenen Kinderzimmertür das Gespräch von Kindern, die ihren kleinen Freund, den schweigenden Georges zum Sprechen bringen wollen. Sie führen, wie alle Figuren dieser Erzählungen, ein Sprechtheater auf, probieren rhetorische Masken und füllen die Leere um das schweigende Kind mit apartem Geschwätz. „Die Schulordnung, wie der Stifter sie in achtzig und etlichen Artikeln formuliert hat“, doziert der kleine Paul, „kann augenscheinlich nicht Gegenstand dessen sein, was vor euch abzuhandeln ich mich anschicke, denn außer unseren Lehrern würde sie jedem ein Lächeln abnötigen, und weder Georges, wenn ich recht berichtet bin, noch ich selber haben diesen ehrwürdigen Text auswendig gelernt, sein Geist ist in alle Winde zerstoben.“

Neben der kritikerpreisverdächtigen Ausdrucksweise des Kindes, die dem literaturphilosophischen Mehrwert dieser Szene zuzuschreiben ist, enthält diese Sentenz aus dem Kinderzimmer eine Erklärung für das Schweigen aller Schweiger dieser Erzählungen: Sie kennen die Schulordnung nicht. Die Schulwahrheiten sind verweht. Sie wissen nicht, nach welchen Regeln sie sprechen sollen. Also schweigen sie. Philosophisch ist das klar, literarisch ist das (um das mindeste zu sagen) sehr literarisch.