Von Willi Winkler

Eifriger hat kein Schriftsteller seine Lebenskatastrophe eingeleitet: "So weit es sich nur um mich dreht & ich von meinem Beutel unabhängig bin, geht mein größtes Bestreben dahin, jene Art Bücher zu schreiben, von denen es heißt, sie seien ein ‚Mißerfolg‘."

Herman Melville schreibt dieses Bekenntnis 1849. Er ist 28 Jahre alt, in drei Monaten wird er sich an sein Hauptwerk setzen. Der Adressat dieses Katastrophenplans ist ausgerechnet sein Schwiegervater Lemuel Shaw, der Mann, der nicht nur die Tochter, sondern bald die gesamte Familie (es werden vier Kinder) aushält, weil Melville weder sich und schon gar nicht die Seinen mit dem Schreiben ernähren kann. Immerhin ein scheinheiliger Kratzfuß hinterher: "Verzeihung für meinen Dünkel."

Bescheidener ging es nicht. Dabei hatte sich sein Vater einst, der New Yorker Importeur französischer Galanteriewaren Allan Melvill (das adelnde "-e" kam erst 1838 zum Namen), von dem "kleinen Fremdling", der am 1. August 1819 anlangte, "gute Lungen hat, brav schläft & tüchtig futtert", für später eine Hilfe im Geschäft erhofft. Doch schon der Siebenjährige enttäuschte ihn als "recht zurückgeblieben, was das Sprechen angeht, und etwas begriffsstutzig".

Eine Warnung, der jähe Tod des Vaters. Allan Melvill starb als Schwindelunternehmer, hatte das Erbteil von Frau und acht Kindern veruntreut, seine Existenz und ihren Ruf ruiniert. Und noch schlimmer: Der alte Melvill starb mit einem Tobsuchtsanfall, ein Wahnsinniger explodierte vor den Augen des zwölfjährigen Sohnes.

Nach dem schrecklichen Ende des Vaters mußte die Mutter bei den Verwandten betteln gehen. Herman wurde bald ins Erwerbsleben hinausgeschickt, war Bürogehilfe, Ladenschwengel, Hilfslehrer, fuhr schließlich zur See, in den Pazifik. In Polynesien verließ er sein Schiff, auf einem weiteren war er an einer Meuterei beteiligt, danach lebte er unter Eingeborenen. Er hatte Glück, denn die patriotischen Landsleute zu Hause verübelten ihm seine unamerikanischen Umtriebe nicht. Sie verlangten nach Abenteuergeschichten, und er durfte ihnen die Botschaft von einem Paradies bringen, das nichts mit Geld und schon gar nichts mit ihrem finsteren puritanischen Gott zu tun hatte. Er kam heim, ohne Tagebuch, ohne alle Aufzeichnungen, aber mit einem gewaltigen Ehrgeiz. Fing mit 25 Jahren zu schreiben an und wurde über Nacht fast berühmt, "der Mann, der unter den Menschenfressern gelebt hat".

Und doch war ihm dieser Jahrmarkt-Erfolg heftig zuwider. Sein Verleger sollte ihn auf dem Titelblatt des neuen Buches nicht als den Autor der Südseegeschichten auspreisen.