Von Miri Paz

Im Frühjahr 1987 veranstalteten ehemalige Angehörige der Wehrmacht der zwölften Pommerschen Panzerdivision ein Veteranentreffen in Heppenheim bei Frankfurt. Vier Jahre lang, von 1941 bis 1944, hatten sie gemeinsam an der Ostfront gekämpft. Schon kurz nach dem Krieg hatten die Waffenbrüder die Verbindung aufgenommen und einen Verein mit Vorstand und Präsidenten gegründet, dessen Hauptaufgabe es bis heute ist, jährliche Versammlungen der Veteranen zu organisieren.

Das Treffen in Heppenheim 1987 ist voller Nostalgie, von Erinnerungen an die gemeinsamen Erlebnisse geprägt. Man singt die alten Lieder, hält und hört Ansprachen über die ersten Stürme gegen den Feind. Alles könnte wie immer sein, wäre nicht diesmal Josef Perjell dabei, der eigentlich Schlomo Perl heißt und eigens aus Israel gekommen ist, um seine ehemaligen Kammeraden wiederzusehen. Ihre erste Begegnung liegt fast fünfzig Jahre zurück.

Schlomo befand sich damals auf der Flucht vor den in Rußland vorrückenden deutschen Soldaten. Seine Eltern, die aus dem norddeutschen Peine nach Polen geflüchtet waren, hatten ihn und seinen Bruder Isaak aus Furcht vor den Nazis weggeschickt und waren selbst im Ghetto Lodz zurückgeblieben.

Auf der Flucht in Richtung Osten werden die beiden Brüder getrennt. Schlomo erreicht schließlich ein Waisenhaus der Komsomol, wo man ihn im Sinne der kommunistischen Jugendbewegung erzieht. Schon nach wenigen Monaten ist der Junge überzeugter Stalinist.

Unweit von Minsk wird er von deutschen Truppen aufgegriffen. In langen Reihen warten die polnischen und russischen Flüchtlinge auf ihre Selektion durch einen deutschen Offizier. Die Aussortierten werden in ein nahegelegenes Waldstück gebracht, Schlomo kann die Schüsse hören. In diesen Augenblicken des gespannten Wartens vergräbt Schlomo eilig seine Papiere. Als er an der Reihe der "Prüfung und Klassifikation" ist, spricht er in seiner Panik, ohne nachzudenken, die Worte, die auf der Gürtelschnalle des Offiziers stehen: "Gott mit uns." – "Jude?" fragt der Offizier. "Nein, ich bin Volksdeutscher." Ein Pole, der neben ihm steht, ruft grob aus: "To Zyd!" (Das ist ein Jude!) Doch der Nazi-Offizier glaubt dem damals fünfzehnjährigen Jungen, der sich geistesgegenwärtig als Josef Perjell ausgibt. Die Soldaten nehmen Josef in die Division auf und geben ihm den Spitznamen Jupp.

Jupps perfekte Russischkenntnisse sind für die Division eine große Hilfe, und Jupp wird beim Verhören der russischen Kriegsgefangenen als Übersetzer eingesetzt. Noch am Ort der Selektierung trifft Jupp auf den berühmtesten Gefangenen seiner Laufbahn als Übersetzer: Stalins Sohn. "Ich war sehr aufgeregt", berichtet Perl. "Vor mir stand der Offizier, den ich bewunderte und für dessen Erfolg ich betete, und ich repräsentierte den Feind."