Von Bernd Loppow

Vom Ostseebad Boltenhagen bis nach Usedom stürmten die Urlauber in diesem Sommer die Strände. Jedes freie Bett in Mecklenburg-Vorpommern war belegt. Über die Landstraßen zwischen Wismar und Stralsund schlichen, meist im Schrittempo, hauptsächlich Fahrzeugkolonnen mit Westkennzeichen. Der Verkehrsfunk riet von Reisen an die Küste des nördlichsten unter den neuen Bundesländern wegen fehlender Übernachtungsmöglichkeiten ab. Auf Rügen hätten manche Bewohner am liebsten die Ziegelgrabenbrücke zum Festland hochgezogen – so überlaufen war die Insel.

Für den Wirtschaftsminister Mecklenburg-Vorpommerns, Conrad-Michael Lehment (FDP), ist der Andrang dieses Sommers "eher eine Scheinblüte". Viele der Besucher – er schätzt siebzig Prozent aus Westdeutschland, zwanzig Prozent aus der früheren DDR und zehn Prozent aus dem Ausland – wollten den lange verschlossenen Osten Deutschlands entdecken. Doch: "Sie finden häufig nur Bruchbuden, Preise wie im Westen und Qualität wie hierzulande", so Lehment. "Viele wollen die schnelle Mark machen, doch damit lockt man den Tagesurlauber nicht, Dauergast zu werden."

Noch lockt unverdorbene Natur

Noch akzeptieren die Besucher fehlende Duschen, papierdünne Wände, zugige Fenster. Sie kommen wegen einer Natur, wie es sie im Westen kaum noch gibt: Die Müritz ist der größte See Deutschlands, jüngst wurde ihm Trinkwasserqualität bescheinigt. Unverbaute Ufer geben (noch) den Blick frei auf breite Schilfgürtel und scheinbar endlose Wälder. Fahrradwanderer schwärmen von den Buchenalleen und den gelben Rapsfeldern und fluchen über das Kopfsteinpflaster. Mitten im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, der sich von Ahrenshoop über Rügens Schwesterinsel Hiddensee bis zum ehemaligen Bonzen-Eiland Vilm erstreckt, begegnen Strandwanderer oft kaum einem Menschen. Kurz vor der Wiedervereinigung erklärte die Regierung de Maizière zehn Prozent des ehemaligen DDR-Territoriums zu Nationalparks.

Noch floriert der Neugier-Tourismus. Das Staunen über die unverdorbene Natur hilft, über Mängel im Angebot hinwegzusehen. Noch gibt es kein klares Konzept für den Tourismus in Mecklenburg-Vorpommern. Erst Ende nächsten Jahres soll die Analyse eines privaten Instituts vorgestellt werden. "Im Moment haben wir keine Zeit für Konzepte", bekennt Minister Lehment. Noch geht vieles durcheinander. Überall hört man die Schlagworte vom umwelt- und sozialverträglichen Tourismus, den Vorsatz, "die Fehler des Massentourismus nicht zu wiederholen". Fast alle Kommunen planen den "Sanften Tourismus", ohne genau zu wissen, was das ist. Sie möchten möglichst viel Geld verdienen, ohne Natur dafür preiszugeben.