Von Roswitha Bourguignon

Am Anfang war es für Sahera Rahman nicht einfach, die eigene Angst, vor allem aber den Widerstand der Familie zu überwinden. Auch die reichen Nachbarn im Dorf hatten sie gewarnt: "Wenn du zur Grameen Bank gehst, werden sie dich in die Chittagong Berge verschleppen." Der Mullah hatte ihr sogar mit dem Ausschluß aus der Gemeinde gedroht. Allen Warnungen zum Trotz gründete Sahera 1984 zusammen mit vier anderen Frauen eine Spar- und Darlehnsgruppe.

Schauplatz dieser Geschichte ist ein kleines Dorf zwischen Reisfeldern und Bananenplantagen nahe bei Narsingdi, sechzig Kilometer nördlich von Dakka, der Hauptstadt von Bangladesch. Die Akteure sind landlose Frauen ohne eigenes Einkommen, ohne Schulbildung, ohne jede finanzielle Sicherheit. Dennoch erhalten sie Kredite, über deren Zweck und Höhe sie selber bestimmen können. Ihre einzige Sicherheit ist die gemeinsame Haftung gegenüber der Bank. Sie baut auf Gruppensolidarität und das gegenseitige mündliche Versprechen der Kreditnehmer, pünktlich die wöchentlichen Tilgungsraten und Spareinlagen zu zahlen.

Seit acht Jahren ist die Grameen Bank eine weitgehend unabhängige, auf genossenschaftlichen Strukturen aufgebaute Institution. Der Staat ist mit 25 Prozent am Eigenkapital beteiligt. In der Vergangenheit gab es oft Zweifel, ob eine "Bank für die Armen" überlebensfähig sei. Die Grameen Bank hat jedoch nicht nur überlebt, sie hat heute in den meisten Distrikten des Landes Zweigstellen und über 600 000 Mitglieder, 88 Prozent davon sind Frauen. Und bisher wurden mehr als 160 Millionen Dollar ausgezahlt. Die Rückzahlungsquote liegt bei 98,3 Prozent. Die Spareinlagen der Mitglieder haben inzwischen 38,5 Millionen Dollar erreicht. Keine andere Bank in Bangladesch kann diese Quote nachweisen. Damit sind allerdings nur etwa dreißig Prozent der ausstehenden Kredite gedeckt. Den größten Teil der Refinanzierung besorgen ausländische Entwicklungsorganisationen.

Den ersten Kredit in Höhe von umgerechnet 110 Mark investierte Sahera in den Anbau und Handel von Reis (22 Mark) und den Kauf einer Kuh (82,50 Mark). Mit den restlichen 5,50 Mark wurden die wöchentlichen Tilgungsraten, Zinsen und Spareinlagen beglichen.

Inzwischen hat Sahera den fünften Kredit aufgenommen. Seit dem vergangenen Jahr pachtet sie Land für den Anbau von Reis. In einem guten Jahr kann sie bis zu 1800 Kilo Reis ernten. Mit dem Verkauf von Reis, Mehl, Erdnüssen und Reisspelzen erwirtschaftet sie heute wöchentliche Einnahmen von 38,50 Mark. Diesen Erträgen stehen Ausgaben in Höhe von 29,50 Mark gegenüber. "Früher konnten wir nur zweimal in der Woche Reis essen. Unser erstes Kind starb nach 23 Tagen, weil ich keine Milch mehr hatte." Heute bestehen die Mahlzeiten der fünfköpfigen Familie aus Reis, Fisch, Gemüse und Obst.

Aber es ist nicht mehr allein der Kampf gegen den Hunger, der ihr Leben nun bestimmt. Sie denkt vor allem an die Zukunft. Für diese Zukunft hat sie bereits einen Fünf jahresplan aufgestellt. Er umfaßt den Bau eines größeren Hauses, eines Brunnens und einer Latrine, die Errichtung einer Baumschule und die Pacht von weiterem Land für den Anbau von Reis. In der Sprache ihres Dorfes hieß Armut einst Hunger und Tod. Heute ist ihre Armut nicht mehr ein auswegloser Kampf ums Überleben – ein hoffnungsvoller Aufbruch in eine lebenswertere Zukunft ist möglich geworden.