Von Eckhard Roelcke

Es klappt mal wieder perfekt. Da gibt es in einer Zürcher Galerie die obligatorischen Zeichnungen zur Inszenierung mit den feinen Schattierungen, einem senkrechten Balken hier und einem waagrechten Balken dort – schwungvolle Signatur: Robert Wilson ’91.

Und da gibt es ein paar neue Stühle. Für Elsa von Brabant ein filigranes, metallisch glänzendes Gesitz mit einer Rückenlehne, die in die Höhe züngelt wie eine Flamme; für Heinrich den Vogler, den deutschen König, eine solidere Konstruktion, die mehr einer Trittleiter als einem Thron ähnelt. Robert Wilson in Zürich mit "Lohengrin": Es klappt perfekt.

Denn Wilsons Zeichensprache ist universal. Sie paßt in jedes Land, in jedes Opernhaus, zu jeder Oper. Ganz gleich, ob er in Hamburg den "Parsifal", in Paris die "Zauberflöte" oder in Zürich den "Lohengrin", ob er ein Singspiel oder ein Musikdrama, Rezitative und Arien oder eine durchkomponierte Partitur inszeniert: Die Menschen, die Wilson auf der Bühne anordnet und bewegt, agieren streng formalisiert, mit abgezirkelten Gesten, Schritten, Drehungen. Landauf, landab, gestern, heute und wahrscheinlich auch morgen.

Wilsons Menschen bewegen sich so stereotyp wie die Roboter, die bei Ikea im Lager arbeiten oder (im Kunsthandwerk etwas pfiffiger): bei Interlübke. Mit einem kleinen Unterschied allerdings: Die Roboter surren, die Menschen auf seiner Bühne aber singen. Die Roboter bewegen sich in einer Halle, um Paletten zu heben oder Kartons zu stapeln – die Menschen bewegen sich in Wilsons zeitlosem Raum nur, um Gefühle zu transportieren. Sie transportieren, sonst nichts. Denn Wilson will die Opern nicht interpretieren, er verweigert jeden Kommentar, zur schönsten Zauberei genauso wie zur fiesesten Verschwörung.

"Richard Wagners Lohengrin in Robert Wilsons Vision" heißt die Überschrift im neuesten Zürcher Opernmagazin. Mit diesem Titel bekommt die Inszenierung einen religiösen Atem eingehaucht, und aus dem Regisseur wird ein Heiliger. Mit seinen Werken setze man sich bitte nicht mehr intellektuell auseinander, soll das wohl heißen, denn an Visionen muß man glauben. Und die Requisiten, die Stühle also, die Wilson unablässig schöpft, werden zu Fetischen stilisiert.

Da Robert Wilson ein Visionär mit professionellem Anspruch ist, der mit Ausdauer jedes Detail akribisch probt, gibt es auf seiner Bühne auch keine Zufälle und damit auch keine Lebendigkeit. Jeder Kubikzentimeter vom Boden bis hinauf zum Schnürboden ist in jeder Sekunde exakt definiert, die Beleuchtungs-Crescendi und -Decrescendi verdanken ihre Präzision den steuernden Mikrochips. Und die Menschen in diesem Spiel sind zu Vektoren degradiert: Auftritt Lohengrin von rechts bis zur Bühnenmitte, Drehung links, circa 86 Grad (geschätzt), Botschaft: "Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!" Oder am Schluß, nach langen viereinhalb Stunden: "Seht da den Herzog von Brabant! Zum Führer sei er euch ernannt!", Drehung rechts, circa 94 Grad (geschätzt), Abtritt rechts.