Der Krise auf dem Balkan widmete Hans-Dietrich Genscher in seiner Rede vor der UN-Vollversammlung nur wenig Raum. Knappe Absätze eher deklamatorischer Art: Der Militäreinsatz als Mittel der Politik müsse unzulässig bleiben, gewaltsamen Gebietserwerb werde Deutschland "niemals anerkennen", und: "Man kann Staaten nicht mit Gewalt zusammenhalten." Im übrigen konzentrierte sich der Bundesaußenminister auf den großen historischen Bogen, vom "atemberaubenden Siegeszug" der Freiheit in Europa zu den "globalen Herausforderungen" und "neuen Menschheitsaufgaben" im 21. Jahrhundert: Welternährung, Umweltschutz, Menschenrechte.

In den Kulissen der Vereinten Nationen wurden indessen um Jugoslawien um so mehr Worte gemacht. Dort war vor allem für die Westeuropäer der Krieg um Kroatien Thema Nummer eins. Sie bemühten sich um einen Beschluß des Sicherheitsrates, der europäische Maßnahmen zur Konfliktbeilegung – Wirtschaftssanktionen und auch militärische Aktionen möglichst eingeschlossen – mit den höheren Weihen des Kapitels VII der UN-Charta versehen sollte. Modell: Irak.

Die Sondierungen in den Hotelsuiten, diplomatischen Vertretungen und auf den Korridoren des UN-Gebäudes zeigten aber schon bald, daß die Europäer mit dieser Maximalposition kaum durchdringen dürften. Auch mildere Formulierungen, die Belgien, Frankreich und Großbritannien zu Beginn der Woche nachschoben, blieben vorerst stecken. Sie gingen vor allem einigen Sicherheitsratsmitgliedern aus dem Lager der Blockfreien zu weit. Die Lage wurde beispielsweise erschwert dadurch, daß die Unruhen und die unübersichtliche Lage in Zaire dieses Land plötzlich wieder ins Lager der Interventionsgegner zu drängen schien. Der Einpeitscher ist Indien. Ein westeuropäischer Diplomat stöhnte: Was den Spaniern ihre Basken und den Franzosen das Korsenproblem, das ist den Indern ihr Kaschmir und Kantanga für Zaire. Das Gespenst des Separatismus, Grund für die Uneinigkeit der Westeuropäer in der Jugoslawienfrage, schreckt erst recht die Länder der Dritten Welt: Baskenland ist überall.

Ob es zu einer formellen Resolution kommen würde, war zu Beginn der Woche daher ungewiß. Genscher, geübt im Preisen kleiner Schritte, sah schon in der Tatsache, daß es im Sicherheitsrat zu einer Debatte über Jugoslawien kommen würde, einen Fortschritt. Das sieht auch sein österreichischer Kollege Alois Mock so: "Immerhin ist das der Einstieg in die Internationalisierung des Konflikts." Doch Mock nennt ein neues Problem, das die Lage abermals komplizieren könnte: Allmählich drohe Kroatiens Präsident Tudjman die Kontrolle über seine Milizen zu verlieren. Auch in Kroatien gewännen die Radikalen an Boden, nicht zuletzt aufgrund der Enttäuschung über mangelnde internationale Unterstützung, besonders durch die EG. Nicht weniger wichtig dürfte freilich sein, daß die Kampfkraft der Kroaten, wie die Österreicher zu wissen glauben, in den letzten Tagen deutlich zugenommen hat.

Genscher setzt vor allem auf den Einfluß der Sowjetunion. Gleich am ersten Abend in New York ist er zu einem Abendessen geeilt, das der Verlegermillionär Robert Maxwell für einen kleinen Kreis gab, mit Genscher und dem neuen sowjetischen Außenminister Pankin als Ehrengästen. Am Dienstag fand das offizielle Treffen Genscher-Pankin statt. Der Deutsche drängte: Die neuen Herren in Moskau müßten den Serben – "die hören am ehesten auf Slaven" – vermitteln, wie isoliert sie weltweit seien. Und erst recht müsse man das der Belgrader Armeeführung klarmachen. Schließlich sei die vor dem Putsch in Moskau vom damaligen Verteidigungsminister Jasow ständig bestärkt worden, sie solle hart bleiben.

Jetzt ist zwar alles anders in Moskau, aber die serbischen Generäle scheinen es nicht zu merken. Genscher zu Pankin: Der neue sowjetische Verteidigungsminister, General Schaposchnikow, solle in Belgrad anrufen und denen – "von Kamerad zu Kamerad" – sagen: "Hört auf damit!"

Werner A. Perger (New York)