Neue Mitglieder werden die alte Zwölfergemeinschaft grundlegend verändern

Von Klaus-Peter Schmid

Ginge es nach Außenminister Hans-Dietrich Genscher, dann hätte die Europäische Gemeinschaft bald nicht mehr zwölf, sondern an die zwanzig Mitglieder. Immer wenn der Chef der deutschen Diplomatie durch Osteuropa reist, verheißt er den neuen Demokratien ihre baldige Aufnahme in die EG. Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei seien ganz schnell im neuen Haus Europa willkommen, die drei baltischen Staaten Litauen, Estland und Lettland gleich danach. Und warum eigentlich nicht auch Rumänien, Bulgarien, Albanien und die eine oder andere Nation, die aus Jugoslawien und dem Sowjetreich hervorgehen wird?

Etwas anders sieht das Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand. Noch unlängst belehrte er die Osteuropäer, sie hätten mehrere Jahrzehnte abzuwarten, bevor in der EG Platz für sie sei. Wie ernst er das meint, demonstrierte er erst vor ein paar Wochen: Elf EG-Länder wollten Polen und Ungarn den Export von ein paar tausend Rindern und Kälbern mehr in die Gemeinschaft erlauben – die Franzosen legten ihr Veto ein und blockierten die Verhandlungen.

Doch nicht nur die Osteuropäer stehen Schlange. Fünf Länder haben offiziell ihre Mitgliedschaft schon beantragt. Neben Österreich, dessen Aufnahme die EG-Kommission bereits empfohlen hat, hoffen auch die Türkei, Zypern, Malta und seit kurzem Schweden auf baldige Beitrittsverhandlungen. Finnland, möglicherweise auch die Schweiz, dürften sich bald in die Warteschlange einreihen – und weitere Kandidaten sind nicht ausgeschlossen.

Mancher, der zur Eile drängt, tut das nicht ohne Hintergedanken. John Major zum Beispiel, der britische Premierminister, möchte die Tür für neue Mitglieder ganz weit aufmachen, um die wachsende Integration in der Gemeinschaft zu bremsen. An einer gemeinsamen Euro-Währung liegt den Briten bekanntlich genauso wenig wie an einer Politischen Union. Eine eilige Ausweitung der EG aber würde die Festigung ihrer Institutionen mit Sicherheit behindern.

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