Der Verlag Gatza ist, nach einem knappen Jahr seiner Existenz, schon eine gute Adresse für Überraschungen. Jan Peter Bremers zweites Buch ist eine davon: "Einer der einzog das Leben zu ordnen" (Berlin 1991; 79 S., 19,80 DM).

Da ist ein junger Mann. Er kommt nirgendwo her, er ist einfach da, in seiner Kleinwohnung mit Küche bis zur Überlastung beschäftigt mit dem Herstellen einer Ordnung. Und da Ordnung damit anfängt, daß es einen Herrn und einen Diener gibt, sind es fortan zwei, die der absurden Logik des sinnstiftenden Chaos folge.

In der wahnwitzigen Landschaft dieser Einzimmerwohnung, in der jedes Möbel ein tückisches Charakterstück, jeder Wechsel der Tageszeiten ein dramatisches Ereignis ist, hat ein ganzes phantastisches Universum Platz. Aus dem Mund des Dieners materialisiert sich Vergangenheit, Lebensgeschichte, als groteskes bukolisches Drama. Die Figuren und Muster, aus denen man Romane macht, entstehen und zerfallen als ironische Vexierbilder über dem Küchentisch: die Eltern, die erste Liebe, der Rivale, der Freund-Feind, Abschied von der Kindheit, Aufbruch, Trennung – während der Herr dem Diener Kaffee kocht und ein Auge auf Hände und Löffel hat.

Jan Peter Bremer schreibt hemmungslos verspielt, aber genau: Immer wieder verletzt diese ungezähmte Sprache die erzählerische Linearität, krümmt sich, platzt, stößt Feuerwerke aus – und landet zielsicher, in trügerisch lakonischer Einfachheit, auf dem Stuhl, als sei nichts gewesen. Und das in dieser winzigen Wohnung!

Auf engstem Raum – nur knapp achtzig Seiten – ist ein feiner, fieser, großartiger Roman entstanden: ein Bonsai-Roman, aber so rund, so vollständig wie kaum ein großer. Katharina Döbler