Zinspapiere osteuropäischer Schuldner locken mit hohen Renditen

Keinen Grund zum Klagen haben zur Zeit die Sparer und Anleger. Zwar hängt der Spareckzins noch immer im tiefen Keller und gleicht nicht einmal den Kaufkraftverlust aus. Doch niemand ist dazu gezwungen, sein Geld auf dem Sparbuch verrotten zu lassen. Geldbesitzern bietet sich eine breite Palette rentabler Alternativen, vom kurzfristigen Festgeld über bankeigene Sparbriefe bis hin zu öffentlichen Anleihen. Die jährlichen Erträge reichen bis an die Marke von neun Prozent. Und wem das noch nicht genug ist, der kann sein Geld auch an Ausländer verleihen, etwa an Kreditnehmer in Osteuropa: Die Bereitschaft, den sicher nicht ganz risikolosen Umbau der Volkswirtschaften mitzufinanzieren, wird mit zweistelligen Renditen belohnt.

An den deutschen Börsen wird eine Vielzahl sogenannter "D-Mark-Anleihen ausländischer Kreditnehmer" gehandelt. Anleihen der Weltbank finden sich neben Schuldscheinen von McDonald’s oder Manitoba. Das Geschäft mit diesen Wertpapieren ist keinesfalls nur etwas für Profis. Jeder Privatanleger kann sie genauso problemlos kaufen wie Pfandbriefe oder Bundesanleihen. Auch die Kosten – 0,5 bis 0,7 Prozent der angelegten Summe – unterscheiden sich nicht von denen einheimischer Wertpapiere. Und da Tilgung und Zinszahlung in D-Mark erfolgen, entstehen auch keine Währungsrisiken. Lediglich der Mindestanlagebetrag ist mit tausend Mark höher als bei manchen Inlandspapieren.

Seit einigen Jahren finden sich auch Anleihen aus osteuropäischen Ländern auf dem Kurszettel. Die Schuldner, meist Zentral- oder Staatsbanken, sind am deutschen Kapitalmarkt zwar gern gesehen, aber sie müssen ein Handikap überwinden. Ihre Zahlungskraft, ihre Bonität, wird geringer bewertet als die vergleichbarer Kreditnehmer aus dem Westen. Das schlechtere Ansehen drückt sich vor allem in niedrigeren Kursen aus. Die Kursabschläge erhöhen die Rendite erheblich. Eine Hundert-Mark-Anleihe der Ungarischen Nationalbank mit einem Zinskupon von acht Prozent und einer Laufzeit bis Ende 1996 wird zum Beispiel mit einem Kurs von 90,50 notiert. Anleger erhalten bis zur Fälligkeit also nicht nur jährlich acht Prozent Zinsen, sondern bei der Rückzahlung zusätzlich noch einen Kursgewinn von 9,5 Prozent. Das ergibt eine durchschnittliche Jahresrendite von 10,46 Prozent. Als besonderer Leckerbissen kommt hinzu, daß der Kursgewinn steuerfrei kassiert werden kann.

Noch etwas höhere Erträge als mit den Ungarn-Bonds lassen sich mit D-Mark-Anleihen aus der Tschechoslowakei und aus Bulgarien erzielen. Den Vogel jedoch schießen die Papiere der Sowjetunion ab. Kurs- und Zinsgewinn erreichen über fünfzehn Prozent. Wegen der hohen Kursabschläge gelten die Russen-Anleihen als Geheimtip. Allerdings zeigen die niedrigen Kurse auch, daß die Risiken nach wie vor als sehr hoch eingeschätzt werden.

In den vergangenen Wochen war immer wieder die Befürchtung zu lesen, Moskau könne zahlungsunfähig werden und dann seine Auslandsschulden nicht mehr "bedienen" – wie es im Bankenjargon heißt. Die Ängste scheinen berechtigt: Das Riesenreich zerfällt, ein großer Teil der wirtschaftlichen Strukturen ist zusammengebrochen. Westliche Banken sprechen bereits von einer sowjetischen Schuldenkrise und geben kaum noch neue Kredite. Die Verpflichtungen gegenüber den Hartwährungsländern belaufen sich auf sechzig Milliarden Dollar – das ist nicht soviel, wie die Last einiger lateinamerikanischer Schuldner: Allein Mexiko schuldet dem Ausland 96 Milliarden Dollar. Aber die absoluten Zahlen sagen wenig. Entscheidend ist, daß die Schulden in der Sowjetunion im Verhältnis zu ihrer wirtschaftlichen Leistungskraft ein gefährliches Maß erreicht haben. Die Staatsverschuldung ist in den vergangenen fünf Jahren von 18 auf 59 Prozent des Bruttosozialproduktes geklettert. Und ein beängstigend großer Teil der Exporteinnahmen muß für die Zins- und Tilgungszahlungen an das Ausland aufgewendet werden.

Diese Fakten sprechen gegen den Kauf von "Russen-Anleihen". Schließlich nutzen die schönsten Renditen nichts, wenn sie der Schuldner nicht bezahlen kann. Doch genau betrachtet sind die Risiken geringer, als es auf den ersten Blick scheint. Sowjetische Schuldpapiere sind zwar keine Bundesschätzchen, doch die Gefahr, daß die Käufer ihr Geld oder ihre Zinsen verlieren, ist begrenzt. Falls die Sowjetunion, beziehungsweise ihr Rechtsnachfolger, tatsächlich zahlungsunfähig werden, dann müssen erst einmal ihre staatlichen und kommerziellen Gläubiger Ausfälle hinnehmen und einen Schuldenerlaß oder wenigstens einen Aufschub gewähren.