Von Stephan Müller

Reisefreiheit" forderte schmetternd der ehemals alleinig freie Westen von den Machthabern im damals unfreien Osten. Nun sind die Grenzen durchlässig, und von "Reisefreiheit" wird kleinlaut und zweifelnd gesprochen. Rumänen gegenüber, deren Leiden nach der Fernseh-Ausstrahlung von gequälten Waisenkindern und dem Einblenden von Spendenkontonummern als beendet angesehen wurden, nahm der Tonfall sogar eine scharfe, abweisende Akzentuierung an. Der Fall J.U. zeugt davon.

J.U. ist 85 Jahre alt, ein gestandener Mann, noch gesund und kräftig. Als Ungar in Österreich-Ungarn geboren, wurde er 1920 Rumäne, weil auf einer Konferenz beschlossen wurde, daß Arad – sein Wohnort – zu Rumänien gehören soll. Er erlebte zwei Weltkriege, Faschismus, Stalinismus und Ceauşescunismus. Sein Sohn heiratete in den fünfziger Jahren eine Banater Schwäbin aus Rumänien; zwanzig Jahre später reisten sie in die Bundesrepublik aus.

J.U. dachte nicht daran, sich seinem Sohn anzuschließen und seine rumänische Heimat zu verlassen. Wollte er ihn in früheren Jahren besuchen, mußten Anträge und Formulare ausgefüllt, Bescheinigungen beigebracht, verletzende Willkür der sozialistischen Bürokraten ertragen werden. Doch vom Wunsch beseelt, seine Familie zu sehen, und auf sein Recht pochend, ertrug er die Demütigungen und Schikanen schweigend. Auch wenn es Jahre dauerte, bis die Genehmigung für einen Besuch vorlag.

Jetzt, in hohem Alter, war J.U. doch noch zu einem freien Menschen geworden, jetzt, so dachte er, könne er seinen Sohn ohne vorherige Schikanen besuchen. Die rumänische Regierung stellte all ihren Bürgern, die das wünschten, einen Reisepaß zur Verfügung. Auch J.U. besorgte sich einen. Budapest würde er gerne noch einmal sehen und natürlich den Sohn und die Schwiegertochter, Enkel und Urenkel in Deutschland besuchen.

Und das mit dem rumänischen Reisepaß ging im Vergleich zu früher ja wirklich einfach. Was mußte man früher bitten und betteln und bestechen, um wenigstens in die Nähe einer möglichen Erlaubnis einer Ausreise zu gelangen! Und wenn, dann durfte immer nur ein Familienmitglied fahren, die anderen wurden als Pfand behalten. Jetzt dauerte es nicht mal einen Monat, und er hatte seinen Paß. Das war im Januar dieses Jahres.