Thüringen

Utendorf

Ein Knall – die Vögel schrecken hoch. Es donnert und kracht, vorläufig zum letzten Mal erzittert der Dolmar, ein Berg in Südthüringen, unter einer gewaltigen Explosion. Die Russen räumen auf, und zwar gründlich: Munitionskisten und Granaten werden in die Luft gejagt. Mit einem Feuerwerk verabschieden sich die russischen Soldaten vom südwestlichsten Stützpunkt der Roten Armee in der Ex-DDR. "Ich kam gerade da oben vorbei, um ein Haar hätte es mich erwischt", erzählt Wolfgang Marr, der Bürgermeister von Utendorf, später aufgeregt in der Dorfkneipe. Marr ärgert sich über den Leichtsinn der Russen, ohne Warnung zu sprengen – eigentlich nichts Außergewöhnliches. Denn seitdem der Eiserne Vorhang Deutschland in zwei Welten teilte, führten die Utendorfer ein abenteuerlich-"sozialistisches" Leben.

Fast abgeschnitten von der Außenwelt, lebte die 300-Seelen-Gemeinde Utendorf am Fuße des Dolmar hautnah, manchmal gänsehautnah mit den russischen "Freunden" zusammen – besonders dann, wenn wieder einmal ein T-80-Kampfpanzer im Eifer des Gefechts von der schmalen Dorfstraße abkam und in ein Schlafzimmer donnerte.

Nun ist auf einmal alles anders. Die Utendorfer atmen auf. Jetzt müssen sie nicht mehr die Köpfe einziehen, weder vor Stasi-Spitzeln noch vor den Raketen, die vom Dolmar aus über das Dorf hinweg auf den gegenüberliegenden Berg abgefeuert wurden. "Ein Höllenlärm war das, sogar die Scheiben vom Konsum-Laden sind oft zersprungen", erzählt ein Dorfbewohner. Endlich ist Ruhe. Das einzige Flugobjekt, das noch den Utendorfer Luftraum kreuzt, ist der Schlütters-Jürgen aus Würzburg mit seinem Luftmotorrad. "Da bin ich auch schon mitgeflogen", berichtet Bernd Ruck stolz und winkt, wenn der sturzflugliebende Drachenflieger mit seinem ultraleichten Fluggefährt wieder einmal sämtliche Ruck-Hühner völlig verschreckt.

Zwar macht sich Bernd Ruck Sorgen, weil seine drei Söhne jetzt weit weg in den Ruhrpott fahren müssen, um dort vielleicht einen Job zu finden. Auch er wird vermutlich bald seinen Arbeitsplatz verlieren, da das alte Konsum-Unternehmen "marode" ist, wie er sagt. Trotzdem freut er sich über die Wende. Jetzt kann er wenigstens sein Bier trinken, ohne daß ihm der Honecker dabei zusieht.

Im heroischen Tonfall erzählt er von der Zeit, als er noch "Genosse Ruck" gewesen ist: "Da war ich gerade wieder einmal in den "Drei Rosen‘ und hab’ mein Bier getrunken. Da glotzt mich doch der Honecker so dumm an. Da hab’ ich den Hónecker einfach umgedreht. Kommt doch gleich einer von der Stasi und schreit: ‚Genosse Ruck, drehen Sie das Bild vom Honecker wieder um!’ Dann hab’ ich gesagt: ‚Nein, der Honecker hängt sowieso in jeder Kneipe rum!‘"