Von Ursula Bode

Surrealismus konnte ihn ein wenig trösten, aber nicht wirklich." Ein eher verwirrender Satz von Gertrude Stein, ein etwas tantenhaftes Urteil, das sie über eine von ihr nicht goutierte Kunst abgab und an anderer Stelle auch noch etwas poetischer modifizierte: Picasso sei, fand sie, "stets im Leben versucht – wie ein Heiliger versucht werden kann –, die Dinge so zu sehen, wie sie nicht sind". Wir betreten eine Arena. Sie liegt weitab, eine historische Kampfstätte, mittlerweile ein Terrain der neueren Kunstgeschichte: Wie war das mit Picasso und den Surrealisten? Begleitet er deren irritierende Reisen ins Innere und in die Tiefe, versenkte er sich ins Unbewußte, den Traum, die Halluzinationen? Trat er gar zum Surrealismus über in jenen Jahren?

Als das Thema aktuell war und für die Künstler der surrealistischen Bewegung und deren Gegner ein Problem darstellte, wurde es in Pariser Zeitschriften ausgetragen, etwa in dem von Georges Bataille herausgegebenen, Picasso gewidmeten Sonderheft der Documents von 1930. Dort schrieb Michel Leiris, von den bösartig vulgären Mißverständnissen Picasso betreffend sei das größte der Hang, ihn "mehr oder weniger mit den Surrealisten zu vergleichen, kurz, eine Art Mensch in der Revolte aus ihm zu machen oder gar einen Menschen auf der Flucht vor der Wirklichkeit..." Vollkommen erdverbunden sei das Sujet der meisten seiner Bilder, es entstamme "jedenfalls nie der nebulösen Traumwelt", lasse sich "nicht unmittelbar als Symbol erleben" und sei also in keiner Weise "surrealistisch".

So erhellend es wäre, die Arena mit den literarischen Gladiatoren und ihren Wortgefechten wiedererstehen zu lassen, so ist es doch ein müßiges Spiel. Denn der Künstler selbst tritt auf, und damit erscheinen die Erinnerungen an vergangene Polemiken nur noch als interessante Beigabe zum eigentlichen Ereignis: "Picassos Surrealismus" heißt die Ausstellung, mit der die Kunsthalle Bielefeld dank vielfältiger öffentlicher und privater Unterstützung über ihren Museumsalltag hinauswachsen kann.

Der Surrealismus – natürlich fallen einem in der Ausstellung Alberto Giacomettis frühe Skulpturen ein oder die voluminösen Vogeldenkmäler Max Ernsts und Mirós erotische, im Raum schwebende Abstraktionen. Aber Picasso fliegt nicht davon, er steigert vielmehr, parallel zu den Formerfindungen und Traumstücken der Surrealisten, die Signale des Wirklichen in seinen Bildern in subjektiv-rätselhafte Metamorphosen. Mehrdeutig sind sie wohl, aber nicht jenseits der Wirklichkeit zu Hause. Sie weichen eher auf spannende Weise von der Realität ab, sie sind witzig, grotesk, ja anarchisch auf die Wirklichkeit bezogen. Wieder einmal bricht Picasso in diesen Jahren in eine überraschende neue Bildwelt auf, aber sie liegt nicht in einem halluzinatorischen Niemandsland, sondern hat eine banale Geographie. Sein Ort ist der ganz reale Meeresstrand: in dem kleinen Badeort Dinard an der bretonischen Atlantikküste.

Dinard und die Folgen für die Kunst – so könnte die Schau auch heißen. Mit mehr als hundert Katalognummern – Gemälden, bedeutsamen Skulpturen (leider nur zwei), Zeichnungen, Skizzenblättern und Druckgraphik – ist sie ein mit internationalen Leihgaben (vor allem aus dem Musee Picasso) bestücktes ehrgeiziges Unternehmen. Es ist die dritte Ausstellung, die Ulrich Weisner in Bielefeld Picasso widmet. Picasso, der Kontinent, läßt den Museumsdirektor nicht los, und auch in dieser Ausstellung gelingt es Weisner, seine Faszination für Entdecktes und zu Entdeckendes auf den Besucher zu übertragen.

Zu sehen sind, wen nimmt es wunder bei Picasso, Frauen. Es sind Frauen, wie sie nur ihm gehören. Die Frau, das Paar, die Umarmung. Lust und Gewalt, Zärtlichkeit und Aggressivität, Witz und grimmige Beschwörung. Groteskes, auch ironische Parodie des Surrealistischen und keine klassische Schönlinigkeit. Die Form ist neu, unruhig, bis heute aufregend. Gestalten mit atavistischer Gebärde treten auf den Plan. Es sind Schöpfungen einer erotischen Phantasie, die radikal veränderte Bildformulierungen benutzt. Diese Figuren, schreibt Robert Rosenblum in einem lesenswerten Katalogtext, scheinen "rückwärts die Stufenleiter der Evolution hinunter zu ihren oft furchterregend biologischen Wurzeln zu rutschen".