Auf 741 Seiten steigt aus nüchternen Zahlentabellen und rationalen Analysen das Bild einer unfriedlichen Welt auf, in dem der freudig begrüßte Silberstreif am Horizont rasch durch neue Schlagschatten verdeckt wird. Das neue Jahrbuch des Internationalen Friedensforschungsinstituts in Stockholm (Sipri) ist in mehrfacher Hinsicht markant: Es reflektiert das Jahr 1 der Ära nach dem Kalten Krieg – und hat ebenso die sicherheitspolitischen Rückschlüsse aus dem Golfkrieg (einem von 33 des vergangenen Jahres) zu ziehen; es geht auf die Überwindung der (alten) Teilung Europas und Deutschlands ein – und sieht den Rezensenten bei der Lektüre, da in Jugoslawien wieder einmal "die Waffen sprechen"; es registriert und wägt die in Jahrzehnten kaum für möglich gehaltenen Fortschritte der Rüstungskontrolle und Abrüstung – bei unveränderten Fähigkeiten zur Kriegführung.

In diesem Jahr sieht Sipri auf sein 25jähriges Bestehen zurück. Walther Stützle, der nach fünf Jahren als Direktor des renommierten Instituts nach Deutschland (in die Chefredaktion des Tagesspiegel) zurückgekehrt ist, läßt einleitend das vergangene Vierteljahrhundert sicherheitspolitisch Revue passieren. Sie läßt an der Lernfähigkeit der Menschheit bei aller immer wieder neu geschöpften Hoffnung zweifeln: 1966 wurden (nach heutigen Preisen) weltweit 568 Milliarden US-Dollar fürs Militärische ausgegeben. Heute sind es 950 Milliarden, 70 Prozent mehr, ohne daß damit mehr Sicherheit entstanden wäre. Die Unsicherheit wächst vielmehr auf einem ganz anderen Gebiet: Die Auslandsschulden der Dritten Welt haben inzwischen 1400 Milliarden US-Dollar überschritten. Die offizielle Entwicklungshilfe westlicher Nationen (Australien, Kanada, Japan, Neuseeland, USA und Westeuropa) beziffert Sipri für 1988 mit 48,1 Milliarden US-Dollar; das entspricht 0,35 Prozent des Bruttosozialprodukts dieser Länder. Vor 21 Jahren setzte die Uno als Ziel für die Entwicklungshilfe 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts ... Auch wenn diese und andere Zahlen und Materialien der Sipri-Jahrbücher die Wirkung des berühmten Rufers in der Wüste haben, ist den Stockholmern schon deshalb Dank für ihre Arbeit zu sagen, weil sich ihretwegen niemand herausreden kann, das habe er ja nicht gewußt. Bernhard Wördehoff

  • Sipri Yearbook 1991

World Armaments and Disarmament

Oxford University Press, Oxford 1991; 741 S., 45,– Pfund