Von Sibylle Cramer

Der Melancholiker Günter Kunert ist in der Rolle des Philosophen ein heimatloser Kopf – ein Skeptiker. Skeptiker sind Ketzer des Denkens, Ungläubige, Nihilisten. Darum sind sie Sisyphosfiguren, die ihre Gegenstände immer neu wuchten, weil eine sinnvolle Erledigung ausgeschlossen ist. Kunerts poetische und essayistische Äußerungen seit den "Verspäteten Monologen", dem ersten Buch, das er, 1981, nach seiner. Ausreise aus der DDR veröffentlichte, sind Litaneien der Verneinung. In seiner jüngsten Fortsetzung mit dem Titel "Die letzten Indianer Europas" und dem Untertitel "Kommentare zum Traum, der Leben heißt" zitiert er den Papst des zeitgenössischen Skeptizismus, den rumänisch-französischen Philosophen Cioran, mit der Bemerkung, das Leben sei evident sinnlos und würde sinnlos werden, falls man faktisch seinen Sinn entdeckte. So baut sich die Skepsis auf ihre Weise ihre systemartigen Festungen – aus Ruinen.

Kunerts Essays sind als Botschaft so homogen, wie sie heterogen sind in der Sache. Er beschäftigt sich mit dem Zerstörungswerk monotheistischer Religionen gegenüber der Natur. Er spricht von der "letzten Vorstellung" des deutschen Waldes. Zu Fragen des modernen Städtebaus äußert er sich in der Sprache klinischer Krankheitsdiagnostik. Er schreibt Orwell fort, indem er dessen Antiutopie um die Erfahrung einer terroristisch gewordenen Wissenschaft erweitert. Er denkt über den Versuch nach, mit Hilfe gefälschter Hitler-Tagebücher die Geschichte zu fälschen und lästige Schamgefühle loszuwerden. Einer der überzeugendsten Texte des Bandes handelt vom Beitrag der Juden zum europäischen Prozeß der Emanzipation und Aufklärung, dessen Sicherheiten das Dritte Reich für immer liquidierte. Kunert nennt Namen, wenn er an die Opfer solcher Illusionen denkt: Jean Améry und Primo Levi.

Er paraphrasiert in seinen Texten einen einzigen Satz, und der heißt: Das Ende ist unausweichlich. Er beobachtet in der Kriegsführung der europäischen Zivilisation gegen alles, was sich ihrem Fortschrittskurs entgegenstellt, das Walten einer tödlichen Logik. Damit denkt er den Untergang der Menschheit so linear wie seine Antipoden deren Aufwärtsgang. Er übernimmt einen Denktypus, den er eigentlich bekämpft.

Der alte Einwand gegen die radikale Skepsis trifft auch Günter Kunert: Er ist linker Hand ein Apokalyptiker, mit der rechten schreibt er weiter und ist damit der eigentlich Überlebende.

Gefährlich bemerkbar macht sich der Widerstreit zwischen radikaler Negativität und blühender Produktion, zwischen Denken und Vitalem in seiner Lyrik. Seine Texte nehmen diesen Widerspruch nicht in sich auf. Der Melancholiker Kunert scheint unfähig für den Schritt in die freiere Luft des Komischen, wo solche Querstände und Paradoxien ihre ästhetische Heimat haben.

Bin nicht obschon ich denke.