Calw

Vorspiel vor dem Theater: Plötzlich wird die blaue Plane eines Lieferwagens hochgeschlagen, eine Sindelfinger Punkband kommt ohrenbetäubend zum Vorschein: "Wir erklären uns solidarisch mit Manfred Krug in der Sache, derentwegen er heute hier in Calw vor Gericht steht. Auch uns fehlt jegliches Verständnis für langsam fahrende Verkehrsbehinderer, und wir fordern öffentliche Maßnahmen gegen solche und ähnliche Tölpel." Die Aufmerksamkeit von rund siebzig Journalisten gehört den Punkern. Derweil huscht der Hauptdarsteller des gleich beginnenden Theaterstücks kurz vor elf Uhr in schwarzen Jeans und grünem Pullover dicht an der Hauswand entlang zum Eingang des Amtsgerichtes.

Im Gerichtssaal 103 zieht Manfred K., 54, seinen grünen Pullover aus und läßt das Blitzlichtgewitter über sich ergehen. Im Schatten der Journalistenmeute, ein, zwei Meter abseits, steht noch ein Mann in einem grünem Pullover. Der Maschinenschlosser Rudolf B., 36, scheint nicht zu wissen, ob er seine Hände hinter dem Rücken ineinander verkrampfen oder die Arme vor der Brust verschränken soll. Er tut es abwechselnd und ist froh, als die Vorstellung endlich beginnt.

Nicht nur er, auch die kichernde Schulklasse, die Hausfrauen und die Rentner, die auf den knappen Parkettplätzen schon lange ungeduldig warten. Eine ältere Dame hält mit beiden Händen ihr Henkeltäschchen auf dem Schoß und streckt gespannt den Kopf mit der frischen Dauerwelle nach vorne; die Polizisten haben Mühe, Ordnung in den rappelvollen Saal zu bringen, rund fünfzig Leute kommen nicht mehr rein. Wer sich gerade noch auf einen der Stehplätze quetscht, bevor die holzvertäfelten Türen zugedrückt werden, kriegt zwar fast keine Luft, aber dafür was zu sehen.

Erster Akt: Der Berliner Schauspieler Manfred K. ist auf Achse: nicht als Fernfahrer Meersdonk, nicht als Tatort-Kommissar Stoever, nicht als Liebling Kreuzberg, sondern als Dorfrichtet Adam in Kleists "Der zerbrochene Krug". Jeden Abend volles Haus, 300mal, immer eilig. Zwischen zwei Aufführungen rast er an einem schönen Februartag gegen Mittag mit seinem blauschwarzen 420er Mercedes auf einer kurvigen Landstraße durch den Nordschwarzwald. Vor ihm plötzlich ein Hindernis: Maschinenschlosser Rudolf B. aus Bad Herrenalb tuckert in seinem Golf Turbo Diesel mit siebzig Stundenkilometer den Berg hinauf. In einem 420er steckt natürlich mehr, Manfred Mercedes will also Rudolf Turbo Diesel überholen. Sieht nichts, schimpft, hupt, schert nach links, nach rechts, Lichthupe, flucht, schafft es endlich. Die dauergewellte Dame fiebert mit, preßt das Henkeltäschchen fest auf die Knie.

Manfred Mercedes bremst ab (Reifen quietschen, sagt Rudolf Turbo Diesel), schneidet dem Golf den Weg ab und zwingt ihn zum Halten, Manfred K. steigt aus, stürmt zum heruntergekurbelten Golffenster. "Du Idiot", brüllt er, und seine Pranke greift ins Wageninnere. Was dort passiert, ist den Zuschauern noch nicht ganz klar: Die einen sehen, wie Manfred K. mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger zärtlich Rudolf B. an den Ohren faßt und ihn freundlich tadelt, er solle in Zukunft alle Manfred Mercedesse überholen lassen. Die anderen Zuschauer haben eher vor Augen, wie Rüpel Manfred K. einen filmreifen Fausthieb an die Schläfe des anderen setzt und noch zwei Ohrfeigen hinterherschickt. Staatsanwalt K. aus Tübingen sieht Nötigung und Körperverletzung und schickt Manfred K. einen Strafbefehl über 50 000 Mark. Der erhebt Einspruch.

Zweiter Akt: Nun soll sich der Calwer Amtsrichter Gerhard G. für die richtige Version entscheiden. Aber das ist nicht so einfach, weil der bekannte und beliebte Berliner Schauspieler Manfred K. sich den bekannten und am Calwer Amtsgericht nun nicht mehr beliebten Berliner Anwalt Nicolas B. zur Aufführung mitgebracht hat. Der soll ihn rausboxen. Die beiden kennen sich gut, sie üben so was immer zusammen an den kniffligen Fällen von Liebling Kreuzberg. Da berät Anwalt B., und Filmanwalt Liebling K. boxt raus: vor allem einfache Menschen, kleine Leute wie du und ich, die ohne einen cleveren Anwalt hilflos sind.