Havarien, schreckliche Waffen, nuklearer Müll – seit drei Jahrzehnten machen Atom-U-Boote die Ozeane unsicher

Als der Stützpunkt Seweromorsk Alarm gab, war schon nichts mehr zu machen. Dem Bootsmann und dem Schiffsingenieur hatte niemand mehr helfen können: Um die spontane Kettenreaktion im ausgebrannten Reaktorkern der Pjerwoje Maja zu kühlen, hatten sie das riesige U-Boot der Typhoon-Klasse mit geöffneter Luke auf Grund setzen wollen. Zu spät. Der berstende Druckbehälter verwandelte das riesige Becken im Hafen der sowjetischen Nordmeerflotte in ein brodelndes Inferno.

Binnen Minuten trieb der kräftige Nordwind von der Barentssee die radioaktive Wolke in den Kola-Fjord hinein. Als sie kurz nach zehn Uhr abends von den Tundrahügeln zwischen die tristen Häuserblocks der Halbmillionenstadt Murmansk hinabstrich, war der Lenin-Prospekt noch von Tausenden Menschen bevölkert, welche die warme, weiße Juninacht genossen, in der die Sonne nicht untergeht. Die Lautsprecherdurchsagen der Miliz trieben die Passanten in die Häuser. Panik brach aus. Im achtzehn Stockwerke hohen Hotel „Arktis“, wo gerade der „Ball der Jungvermählten“ gefeiert wurde, gingen die gläsernen Eingangstüren unter dem Druck der anstürmenden Menge zu Bruch. Hilfe brachte die eilige Flucht nicht mehr.

Am Morgen danach blieb den Strahlenschutzexperten des Radiologischen Labors nur noch eines zu konstatieren: Der schlimmste Fall war eingetreten. Der Fallout der radioaktiven Wolke hatte 65 300 Menschen getroffen. 25 100 – damit war zu rechnen – hatten schwere Strahlenschäden davongetragen, ebenso viele hatten mittlere, 13 100 leichte Dosen abbekommen. Die Vorräte an Jodtabletten zur Ersten Hilfe reichten gerade für ein paar hundert Verstrahlte. Und wenn der Wind sich nicht legte, würde die strahlende Wolke noch tausend Kilometer weiterziehen, über Karelien, fast bis nach Leningrad.

Die Atomhavarie im Hafen von Murmansk ist erfunden. Das Szenario ihrer Folgen ist echt. Es stammt aus einer geheimen Notfallstudie, die unter der Hand seit 1988 in Murmansk kursiert. Anfang der Woche wurde sie auch in Moskau publik, als im Hotel „Arlyonok“ vierzig Delegierte aus den sowjetischen U-Boot-Häfen im nördlichen Eismeer und am Pazifik zusammenkamen, um auf Initiative von Greenpeace mit westlichen Experten die Gefahren zu erörtern, die von der sowjetischen U-Boot-Flotte und ihren nuklearen Waffensystemen ausgehen.

Das Szenario und eine Gefahrenabschätzung für einen Reaktorunfall an Bord eines sowjetischen U-Boots hatte wenige Wochen nach dem Desaster von Tschernobyl der Oberste Sowjet bei der Marine in Auftrag gegeben – offensichtlich war man in Moskau von der Sicherheit der eigenen atomaren Bewaffnung nicht mehr überzeugt.

Dank Glasnost und gescheitertem Putsch dringen nun stückweise Informationen nach außen, doch genauere Zahlen oder gar Statistiken in Sachen radioaktiver Belastung sind selbst nach dem vorgeblichen Ende der Partei- und KGB-Herrschaft immer noch geheime Staatssache. Aber alle Indizien weisen in eine Richtung: Die rote Flotte mit den heißen Reaktoren ist durch und durch marode und eine akute Bedrohung nicht nur ihres Gegners, sondern der eigenen Bevölkerung.