Von Klaus-Peter Schmid

Die Adresse gleicht einem Versteck. Das Nachbarhaus beherbergt einen Betsaal der Zeugen Jehovas, bis zur "Islamischen Metzgerei" sind es nur ein paar Schritte. An einem unscheinbaren Haus mitten im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek, zu einem Drittel von Nordafrikanern bewohnt und immerhin Geburtsort von Jacques Brei, weist ein blankpoliertes Schild auf das Belgische Unterhosen-Museum hin. Wer der Aufforderung "Bellen" (Klingeln) folgt, den läßt der selbsternannte "Konservator" Jan Bucquoy in ein ehemaliges Atelier ein, in dem Unterwäsche zum Gegenstand der Philosophie wird.

Der 45 Jahre alte Querkopf mit dem schwarzen Bart und dem schütteren Haar ist kategorisch: "Slips müssen getragen sein, sonst haben sie keine Seele." Doch um jeden Zweifel auszuräumen, versichert er eilig: "Ich bin kein Fetischist." Der Hinweis hat wohl seine Berechtigung. Denn was es bei ihm zu sehen gibt, sind keine historischen Unterkleider oder textile Raritäten, sondern mehr oder weniger originell präsentierte Slips von Zeitgenossen.

Natürlich ist das nicht alles. Seine wahre Intention schildert Bucquoy so: "Das Museum wurde genau an dem Tag eröffnet, an dem der Golfkrieg ausbrach. Da habe ich mir gesagt: Wenn die sich alle in Unterhosen gegenüberständen, dann gäbe es keinen Krieg." Kleider machen Leute, Uniformen verleihen Macht – gegen dieses verhaßte Prinzip demonstriert der Flame mit Anzüglichkeiten, die zwangsläufig unter der Gürtellinie liegen.

Etwa tausend Briefe hatte Bucquoy an männliche wie weibliche Prominente in Belgien und Frankreich mit der Bitte verschickt, eine getragene und gewaschene Unterhose einzuschicken. Als Antwort trafen etwa hundert Objekte ein, zwischen Minislip und Knierutscher, in allen Größen und Farben, mit und ohne Kommentar des edlen Spenders. Den meisten war der Museumsgründer wohlbekannt als Zeichner, Maler, respektloser Spötter und gezielter Kämpfer gegen die letzten Tabus der belgischen Gesellschaft – bis hin zum sakrosankten Königshaus. Er selber resümiert seinen Lebensweg so: "Ich habe so ziemlich alles gemacht, nur Pianist in einem Bordell war ich noch nie."

Aufgewachsen ist er in einem Dorf nahe Courtrai, in dem Niederländisch gesprochen wurde. "In unserer Straße gab es 27 Cafés, und wir waren als Witzbolde im ganzen Dorf bekannt." Obwohl er kein Wort Französisch verstand, schickte ihn der Vater mit fünfzehn auf eine französischsprachige Schule. Damals dauerte die diskrete Feindschaft zwischen den Schwarzen und Weißen noch an, zwischen den Flamen, die mit den Nazis kollaboriert hatten, und denen, die von den deutschen Besatzern nichts wissen wollten. Bucquoy senior zog es vor, den Sohn in einen Unterricht zu schicken, bei dem er zunächst kein Wort verstand, statt ihn einem kompromittierten flämischen Lehrer anzuvertrauen.

Später studierte der Filius dann Philosophie und Philologie. Aber beim Studium in Grenoble brach das politische Interesse durch, Mai 68 tat ein übriges. Bucquoy spielte Theater, agitierte, wurde (natürlich linker) Studentenfunktionär. Sein Rückblick: "Eigentlich war ich ziemlich alles, Anarchist, Trotzkist, Maoist und fast Terrorist." Dann drehte er Filme, schrieb Bücher, textete Comics – und verfiel auf Unterhosen. Bucquoy: "Damit hinterfrage ich die Macht. Man braucht sich jemanden nur in der Unterhose vorzustellen, und schon ist es mit seiner Macht vorbei. Stell dir vor, dann sind alle Menschen gleich."