Von Henryk M. Broder

Am 11. September erschien in der Berliner tageszeitung eine "Erklärung", in welcher der Berliner Senat aufgefordert wurde, "die Vielfalt jüdischer Kultur und jüdischen Lebens mit ganzer Kraft zu unterstützen". Insbesondere solle die Existenz der jüdischen Gemeinde "Adass Jisroel" in ihren "historischen Stätten" respektiert und ihr "alle Hilfe für ihre religiöse, kulturelle und soziale Tätigkeit" gewährt werden. Unterschrieben war die Erklärung mit einer größeren Anzahl prominenter Namen, darunter Bärbel Bohley und Stefan Heym, Heiner Müller und Christa Wolf, Klaus Wagenbach und Wolfgang Ullmann.

Was hatte es mit dieser Erklärung auf sich? War der Berliner Senat im Begriffe, eine jüdische Gemeinde zu liquidieren? Droht jüdischem Leben in Deutschland wieder Gefahr vom Staate?

Der Casus, um den es hier geht, regt die Berliner Juden auf, schlägt Wellen in den Medien, stellt den Senat vor ein heikles Problem und – reicht weit in die Geschichte zurück.

Im Jahre 1869 trat eine Gruppe strenggläubiger Juden aus der jüdischen Gemeinde zu Berlin aus, weil ihr diese zu liberal geworden war, und gründete eine eigene, – "gesetzestreue" Gemeinde, die Adass Jisroel, wörtlich übersetzt: Gemeinde Israel. 1885 wurde sie von der Regierung Kaiser Wilhelms I. als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt und entwickelte sich schnell zur zweiten jüdischen Gemeinde in Berlin mit 30 000 Mitgliedern. Adass Jisroel hatte drei Synagogen, ein Krankenhaus, eine Grundschule, ein Lyzeum, ein Realgymnasium, unterhielt ein angesehenes Rabbinerseminar und einen eigenen Friedhof. Im Dezember 1939 wurde die Gemeinde, der viele prominente und wohlhabende Juden angehörten, zwangsweise in die von den Nazis geschaffene "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" eingegliedert und verlor damit ihre organisatorische und rechtliche Selbständigkeit.

Seit 1986 gibt es wieder eine Adass Jisroel in Berlin, genauer: in Ost-Berlin. Der Mann, dem das Kunststück gelungen ist, auf dem Gebiet der DDR eine orthodoxe jüdische Gemeinde zu etablieren, Mario Offenberg, mag über sich selbst gar nicht reden. Er lehne es ab, "seit langer Zeit und von Anbeginn, und zwar aus sehr bewußten Gründen", seine Arbeit für die Gemeinde zu personifizieren. Unwillig gibt er ein paar Eckdaten preis. Geboren 1946 in Palästina, nach dem Militärdienst in der israelischen Armee mit den Eltern zurück nach Deutschland, Studium und Promotion an der FU Berlin, danach Dozent für politische Wissenschaft und internationale Beziehungen am Otto Suhr Institut. Danach kein Wort mehr über Biographisches. "Dazu ist mir meine Zeit zu schade."

Ein paar weitere Angaben lassen sich in öffentlichen Bibliotheken finden. Offenbergs Dissertation aus dem Jahre 1975 trug den Titel "Kommunismus in Palästina – Nation und Klasse in der antikolonialen Revolution". Er gab ein vergessenes Buch neu heraus ("Das Ende Israels?" von Nathan Weinstock), übersetzte Isaac Deutschers "Die ungelöste Judenfrage – Zur Dialektik von Antisemitismus und Zionismus" aus dem Englischen ins Deutsche, machte Filme über das Palästina-Problem. 1977 bekam er auf dem Leipziger Dokumentarfilmfestival für seinen Film "Der Kampf um den Boden oder Palästina in Israel" den Preis der PLO. "Mit religiösem Judentum hatte er so viel zu tun wie wir mit dem Weihnachtsmann", erinnert sich ein Weggefährte aus jenen Tagen.