Tote Seelen in Berlin

Von Henryk M. Broder

Am 11. September erschien in der Berliner tageszeitung eine "Erklärung", in welcher der Berliner Senat aufgefordert wurde, "die Vielfalt jüdischer Kultur und jüdischen Lebens mit ganzer Kraft zu unterstützen". Insbesondere solle die Existenz der jüdischen Gemeinde "Adass Jisroel" in ihren "historischen Stätten" respektiert und ihr "alle Hilfe für ihre religiöse, kulturelle und soziale Tätigkeit" gewährt werden. Unterschrieben war die Erklärung mit einer größeren Anzahl prominenter Namen, darunter Bärbel Bohley und Stefan Heym, Heiner Müller und Christa Wolf, Klaus Wagenbach und Wolfgang Ullmann.

Was hatte es mit dieser Erklärung auf sich? War der Berliner Senat im Begriffe, eine jüdische Gemeinde zu liquidieren? Droht jüdischem Leben in Deutschland wieder Gefahr vom Staate?

Der Casus, um den es hier geht, regt die Berliner Juden auf, schlägt Wellen in den Medien, stellt den Senat vor ein heikles Problem und – reicht weit in die Geschichte zurück.

Im Jahre 1869 trat eine Gruppe strenggläubiger Juden aus der jüdischen Gemeinde zu Berlin aus, weil ihr diese zu liberal geworden war, und gründete eine eigene, – "gesetzestreue" Gemeinde, die Adass Jisroel, wörtlich übersetzt: Gemeinde Israel. 1885 wurde sie von der Regierung Kaiser Wilhelms I. als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt und entwickelte sich schnell zur zweiten jüdischen Gemeinde in Berlin mit 30 000 Mitgliedern. Adass Jisroel hatte drei Synagogen, ein Krankenhaus, eine Grundschule, ein Lyzeum, ein Realgymnasium, unterhielt ein angesehenes Rabbinerseminar und einen eigenen Friedhof. Im Dezember 1939 wurde die Gemeinde, der viele prominente und wohlhabende Juden angehörten, zwangsweise in die von den Nazis geschaffene "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" eingegliedert und verlor damit ihre organisatorische und rechtliche Selbständigkeit.

Seit 1986 gibt es wieder eine Adass Jisroel in Berlin, genauer: in Ost-Berlin. Der Mann, dem das Kunststück gelungen ist, auf dem Gebiet der DDR eine orthodoxe jüdische Gemeinde zu etablieren, Mario Offenberg, mag über sich selbst gar nicht reden. Er lehne es ab, "seit langer Zeit und von Anbeginn, und zwar aus sehr bewußten Gründen", seine Arbeit für die Gemeinde zu personifizieren. Unwillig gibt er ein paar Eckdaten preis. Geboren 1946 in Palästina, nach dem Militärdienst in der israelischen Armee mit den Eltern zurück nach Deutschland, Studium und Promotion an der FU Berlin, danach Dozent für politische Wissenschaft und internationale Beziehungen am Otto Suhr Institut. Danach kein Wort mehr über Biographisches. "Dazu ist mir meine Zeit zu schade."

Ein paar weitere Angaben lassen sich in öffentlichen Bibliotheken finden. Offenbergs Dissertation aus dem Jahre 1975 trug den Titel "Kommunismus in Palästina – Nation und Klasse in der antikolonialen Revolution". Er gab ein vergessenes Buch neu heraus ("Das Ende Israels?" von Nathan Weinstock), übersetzte Isaac Deutschers "Die ungelöste Judenfrage – Zur Dialektik von Antisemitismus und Zionismus" aus dem Englischen ins Deutsche, machte Filme über das Palästina-Problem. 1977 bekam er auf dem Leipziger Dokumentarfilmfestival für seinen Film "Der Kampf um den Boden oder Palästina in Israel" den Preis der PLO. "Mit religiösem Judentum hatte er so viel zu tun wie wir mit dem Weihnachtsmann", erinnert sich ein Weggefährte aus jenen Tagen.

Tote Seelen in Berlin

Im Jahre 1985 tauchte Mario Offenberg in Ost-Berlin auf und begann, sich für Adass Jisroel zu interessieren, vor allem für den inzwischen völlig verwahrlosten Friedhof, auf dem auch sein Urgroßvater, Abraham Offenberg, ruht. Durch direkte Intervention bei Honecker, den er mit Telexen und Telegrammen bombardierte, schaffte es Offenberg, daß der Friedhof in kürzester Zeit restauriert und schon im Juni 1986 unter Anteilnahme von Presse und Fernsehen wieder eingeweiht wurde. Aus diesem Anlaß fand ein Treffen ehemaliger Adassianer statt, die Offenberg nach Berlin eingeladen hatte.

Die alten Leute waren gerührt und tief beeindruckt. Nach jüdischem Verständnis ist die Ruhe von Toten heilig. Friedhöfe dürfen nicht aufgehoben werden. Selbst tausend Jahre alte Grabstätten sind tabu, was in Israel zum Beispiel zu ständigen Konflikten zwischen Archäologen und Rabbinern führt. So war es nur natürlich, daß die überlebenden Adassianer Mario Offenberg die Vollmacht gaben, sich um die Pflege des restaurierten Friedhofs zu kümmern und darüber hinaus "alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Wiederherstellung der Handlungsfähigkeit der israelitischen Synagogengemeinde Adass Jisroel zu Berlin’ herbeizuführen und zu sichern".

"Wir haben das Papier einfach unterschrieben, ohne zu fragen, was damit gemeint war", sagt Schmuel Auerbach aus Israel, der 1986 in Berlin mit dabei war. Am 29. Juni 1986 fand die Gründungsversammlung der "Gesellschaft zur Förderung der Adass Jisroel Berlin" statt. Als Versammlungsleiter agierte Mario Offenberg, zu Vorsitzenden der Gesellschaft wurden sein Vater, Aribert Offenberg, und Schmuel Auerbach gewählt, der gleich darauf nach Israel heimflog. Am Ort zurück blieben Vater und Sohn Offenberg – und eine deutsch-jüdische Posse nahm ihren Lauf, wie sie nur unter den besonderen Bedingungen jener Jahre inszeniert werden konnte.

Am 15. Januar 1988 schrieb der Staatssekretär für Kirchenfragen in der Regierung der DDR, Klaus Gysi, dem "lieben Genossen Erich Honecker" einen langen Brief, in dem er dem Vorsitzenden des Staatsrates der DDR darlegte, warum der Friedhof "der früheren Adass Jisroel Gemeinde, der auf Deine Initiative und Weisung hin rekonstruiert" wurde, "aus rechtlichen, aber vor allem aus politischen Erwägungen" an die Adass Jisroel "zurückübertragen" werden sollte. "Trotz ihrer kleinen Mitgliederzahl hat sie ziemlichen Einfluß bei den Juden in den USA, ebenso in anderen Ländern und in Israel." In der DDR war der Glaube an die Macht der Juden noch ungebrochen, Honecker wollte in die USA eingeladen werden und glaubte, eine projüdische Geste würde ihm den Weg ins Weiße Haus ebnen. Nach Empfang des Gysi-Memorandums schrieb er mit der Hand auf das Deckblatt: "Einverstanden mit Deinen Vorschlägen. EH. 18. 1. 88".

Am 2. Juni 1988 gab der Vorstand der Adass Jisroel eine Erklärung ab, mit der "Fragen nach der Rechtsfähigkeit der Gemeinde" geklärt werden sollten. Darin hieß es unter anderem: "Die überlebenden Mitglieder der Gemeinde und deren Nachkommen gehen von der Weiterexistenz ihrer Gemeinde im religiösen und rechtlichen Sinne aus." Der Vorstand bestätigte selbst, daß er eine Gemeinde vertrat.

Bald darauf, am 30. Juni 1988, schoben die Offenbergs eine weitere Erklärung nach. Siebzehn ehemalige Adassianer, die zum zweiten Jahrestag der Wiedereröffnung des Friedhofs nach Berlin gekommen waren, bekundeten per Unterschrift, "daß unsere Vorstandsmitglieder ... unser volles Vertrauen und unsere Unterstützung genießen". In einem Schreiben an das Staatssekretariat für Kirchenfragen vom 7. Juli 1988 versicherte Lothar de Maizière, den Offenberg inzwischen als Anwalt verpflichtet hatte: "Diese Erklärung trägt Vollmachtcharakter."

Ein halbes Jahr später, im Dezember 1988, legte Adass-Anwalt de Maizière dem Staatssekretariat für Kirchenfragen den "Entwurf einer Erklärung der DDR" vor, mit der die Rechtsfähigkeit von Adass Jisroel bestätigt und der Gemeinde die "volle, auch materielle Unterstützung" zugesichert werden sollte. Zugleich mit dem Entwurf dieser Grundsatzerklärung präsentierte de Maizière einen vierzehn Seiten langen Maßnahmenkatalog zur "vollständigen Rekonstruktion der Gemeinde Adass Jisroel". Mit der Akribie eines leidenschaftlichen Buchhalters listete de Maizière Punkt für Punkt auf, was die Regierung der DDR gewährleisten sollte, von der Beistellung eines Kleinbusses mit einer Diplomatennummer bis zu der Verpflichtung, "daß das Buch von Dr. Mario Offenberg über die Geschichte von Adass Jisroel Berlin in aktualisierter Form in der DDR verlegt wird".

Tote Seelen in Berlin

Am 6. April 1989 trafen Vater und Sohn Offenberg mit dem Mitglied des Politbüros und 1. Sekretär der SED Berlin, Günter Schabowski, zusammen, um einer Reihe von Maßnahmen zuzustimmen, die vom Generalsekretär der SED, Erich Honecker, bereits genehmigt worden waren. Dazu gehörte unter anderem der "ungehinderte Zutritt" zu den Stätten der Adass Jisroel für Bürger aller Staaten "ohne Umtauschzwang", die Einrichtung eines Adass-Büros und die Errichtung einer Feierhalle auf dem Friedhof. In einer Protokollnotiz über dieses Treffen heißt es: "Zu diesem Zeitpunkt erklärte Dr. Offenberg, daß keinerlei finanzielle oder materielle Forderungen an die DDR bestünden. ‚Wir wollen von der DDR keine einzige Mark, kein einziges Gebäude, das ist nicht unser Thema. Uns geht es allein um die ungehinderte Religionsausübung entsprechend unserem eigenen Ritus.‘" Diese Zusicherung, heißt es in einer späteren Protokollnotiz, "wurde von Dr. Offenberg am 11. 5. 89 in einer weiteren Beratung mit dem Staatssekretär für Kirchenfragen wiederholt".

Doch bald darauf änderte Mario Offenberg seine Haltung und forderte "unter Berufung auf die Formel Wiedereinsetzung in alle Rechte’ die Rückgabe des damaligen Eigentums" der Adass Jisroel. Dabei wurde, so vermerkte der Staatssekretär für Kirchenfragen, "keinerlei Bereitschaft gezeigt, den von uns erbetenen Nachweis für die Berechtigung vorzulegen, daß die Familie Offenberg autorisiert ist, im Namen von Adass Jisroel zu handeln. Das hat Dr. Offenberg in schroffer Weise abgelehnt. Es gibt somit keinen juristischen Beweis für eine Beauftragung Dr. Offenbergs, im Sinne der Gemeinde Adass Jisroel zu wirken." An einer anderen Stelle desselben Schriftstücks heißt es: "... die Familie Offenberg, die sich mit Adass Jisroel als identisch erklärt. ..."

Es war den Mitarbeitern des Staatssekretariats für Kirchenfragen zwischendurch durchaus bewußt, daß sie es mit einem Familienunternehmen zu tun hatten, dessen Legitimation fragwürdig war.

Freilich – zu diesem Zeitpunkt, Mitte 1989, waren wichtige Entscheidungen bereits gefallen. Im Juni 1988 hatte der Ostberliner Magistrat die Änderung der Einträge in den Grundbüchern beschlossen, so daß Adass Jisroel (Vorsitzender: Aribert Offenberg, Geschäftsführer: Mario Offenberg) als Eigentümerin des Friedhofs, des Gemeinde-Zentrums in der Tucholskystraße und des ehemaligen Gemeindekrankenhauses in der Wilhelm-Pieck-Straße ausgewiesen wurde. (Was bedeutet: Für die DDR war Offenbergs neue Adass Jisroel identisch mit der alten.) Bei einem Staatsakt der Regierung der DDR aus Anlaß des fünfzigsten Jahrestages der Kristallnacht – behördenintern "Pogrom 50" genannt – verkündete Erich Honecker vor geladenen Gästen aus dem In- und Ausland, daß "die DDR ihre jüdische Gemeinde Adass Jisroel in alle ihre Rechte einsetzt". Allerdings – das der Gemeinde unter Propagandagedröhn zurückerstattete Eigentum wurde weiterhin "treuhänderisch" von Organen der DDR verwaltet. Im ehemaligen Gemeindezentrum saß die Staatsfirma Interwerbung, im ehemaligen Krankenhaus hatte die Reichsbahn ihre Büros. Nur auf dem Friedhof war Adass Jisroel Herr im eigenen Haus. Ein "weitergehendes Entgegenkommen in bezug auf die faktische Rückgabe von Eigentumstiteln" konnte, wie es in einem Papier des Staatssekretariats für Kirchenfragen vom 6. November 1989 heißt, schon deshalb "nicht vorgenommen werden, da dafür in der DDR keinerlei juristische und personelle Voraussetzungen bestehen".

Doch dieses Manko sollte unmittelbar darauf behoben werden. Am 9. November 1989 fiel die Mauer, und mit einem Schlag waren die "juristischen und personellen Voraussetzungen" hergestellt. Lothar de Maizière, der Rechtsanwalt von Adass Jisroel, wurde noch unter Hans Modrow stellvertretender Ministerpräsident und zuständig für Kirchenfragen. In dieser Funktion machte er sich ohne weitere Verzögerung daran, die Vorlagen, die er im Auftrag seiner Mandanten bei der Regierung der DDR eingereicht hatte, zu realisieren. Schon am 18. Dezember 1989, zum fünfzigsten Jahrestag der Auflösung von Adass Jisroel, gab die Regierung der DDR eine Erklärung ab, die inhaltlich und streckenweise sogar wörtlich identisch war mit dem "Entwurf einer Erklärung", die Lothar de Maizière genau ein Jahr zuvor der Regierung der DDR vorgelegt hatte. Der stellvertretende Ministerpräsident de Maizière führte die Arbeit des Rechtsanwalts de Maizière fort, ohne daß irgendwer an dieser Kontinuität Anstoß genommen hätte. Damals wurde, sagt de Maiziere heute, "wenn man so will, an den Verhandlungsstand angeknüpft, der bis zu diesem Zeitpunkt erreicht worden war. Ich habe auch keine Veranlassung gehabt, meine Handschrift zu leugnen, warum auch?"

Für die Offenbergs wurde die Zeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung zu einem wahren Glücksjahr, Göttin Fortuna schüttete ihr Füllhorn über ihnen aus. Schon Anfang März 1990 wurde ein Budget für die Adass Jisroel zur Verfügung gestellt. Für "Löhne und Gehälter und laufende Kosten zur Gestaltung des Gemeindelebens" wurden "30 TM monatlich" angesetzt, für die Bezahlung eines Rabbiners wurden "7000,– Dollar monatlich" zur Verfügung gestellt, die der Mitarbeiter des Kirchensekretariats Dieter Wieland jeweils um Ultimo herum in bar rüberbrachte; die "Übernahme der Miet- und Unterhaltungskosten" für eine offenbar dringend benötigte "Begegnungs- und Erholungsstätte am Mellensee" (ein PDS-Objekt) sollte "jährlich 300 TM" kosten; die Firma Interwerbung und die Reichsbahn wurden angewiesen, die Gebäude Tucholskystraße und Wilhelm-Pieck-Straße zum Ende Juni zu räumen; für den Vorstand und den Rabbiner der Gemeinde wurden "drei möblierte Vollkomfortwohnungen" in der Nähe des Gemeindehauses gefunden, es wurden Bau- und Rekonstruktionsmaßnahmen vorgesehen, der Oberbürgermeister von Berlin Ost wurde angewiesen, "Adass Jisroel in das gesellschaftliche Leben" der Stadt einzubeziehen.

Alles in allem bekam die Gemeinde von der Regierung der DDR im Jahre 1990 genau 2 988 000 Mark und 42 000 Dollar ausbezahlt, wobei ein Teil des Markbetrages in der zweiten Hälfte des Jahres schon in D-Mark ausbezahlt wurde. Über die Verwendung der von Mario Offenberg so genannten "Anschubfinanzierung" wurden weder gegenüber den Behörden der DDR noch der Bundesrepublik Belege vorgelegt. "Die Zuteilung von Etatmitteln erfolgte wie an andere Gemeinden auch", sagt Lothar de Maizière heute, "es entsprach der Praxis früherer DDR-Regierungen, die Verwendung der Mittel nicht nachzuprüfen."

Tote Seelen in Berlin

So wurde der Vorstand einer Phantomgemeinde mitsamt seinen Mitarbeitern aus öffentlichen Mitteln finanziert, was früher oder später einer Revisionsbehörde aufgefallen wäre. Da kam ein weiterer Zufall dem Geschäftsführer des Unternehmens zu Hilfe: Nachdem die Regierung der DDR sich bereit erklärt hatte, verfolgten Juden eine Heimstätte zu bieten, kamen noch 1990 einige tausend jüdische Emigranten aus der Sowjetunion in die DDR. Rund 200 von ihnen fanden den Weg zu Adass Jisroel, wo sie freundlicher und mit weniger bürokratischem Aufwand empfangen wurden als in den etablierten jüdischen Gemeinden von Ost- und West-Berlin. Damit hatte der Vorstand endlich seine Gemeinde gefunden, aus einem ABM-Projekt großen Stils wurde ein kleiner Dienstleistungsbetrieb, der sich um die russischen Neueinwanderer kümmerte.

Schon 1989, am 28. März, hatte die Gemeinde Adass Jisroel beim Berliner Verwaltungsgericht eine Klage gegen das Land Berlin eingereicht. Das Gericht sollte feststellen, daß Adass Jisroel "auch im Geltungsbereich des Grundgesetzes, insbesondere in Berlin West als Körperschaft des öffentlichen Rechts fortbesteht". Ende März 1991, kurz vor dem Verhandlungstermin, wurde die Klage zurückgezogen. Als Begründung gab der Adass-Rechtsanwalt zu Protokoll: "Die Klägerin verfolgt ihr Begehren in unmittelbaren Gesprächen mit dem Beklagten (i.e. dem Berliner Senat) weiter." Inzwischen gibt Mario Offenberg einen anderen Grund für den Verzicht auf den Rechtsweg an. Die Klage habe sich "einfach überlebt", nachdem nach der Wende in der DDR "die Wiedereinsetzung der Gemeinde in alle ihre Rechte vollzogen wurde". Die durch den Einigungsvertrag garantierte Fortexistenz der Körperschaften des öffentlichen Rechts habe dazu geführt, "daß wir uns gesagt haben, es ist ja alles da, was soll man denn einklagen?"

Um dennoch die Anerkennung seiner Gemeinde auch im Westteil der Stadt als Körperschaft des öffentlichen Rechts durchzusetzen, griff Offenberg zu einem außergerichtlichen Mittel. Am 14. Dezember 1990 erschien im Amtsblatt für Berlin unter dem Rubrum "Jüdische Gemeinde" eine Bekanntmachung, derzufolge am 26. November 1990 "die Vorstandswahlen und die Generalversammlung der Israelitischen Synagogengemeinde Adass Jisroel zu Belin, K.d.ö.R., stattfanden". Seitdem verschickt Offenberg Kopien des Amtsblatt, um anhand dieser amtlichen Veröffentlichung zu beweisen, daß seine Gemeinde auch in Westberlin als eine K.d.ö.R. anerkannt wird.

"Ich habe mit den Ohren gewackelt, als ich das gesehen habe", sagt ein höherer Beamter im Berliner Senat. "Als wir dann bei den Leuten, die das Amtsblatt machen, nachfragten, sagten die: ‚Wir prüfen die einzelnen Mitteilungen, die uns gemacht werden, nicht nach.‘ Die haben nicht gemerkt, daß da etwas ganz anderes gemeint war, weil es unter der Firma Jüdische Gemeinde’ ankam. Und die ist ja seit den siebziger Jahren eine Körperschaft des öffentlichen Rechts." Aber das werde Offenberg nichts nutzen, sagt der Beamte, denn "eine Falsa demonstratio begründet keinen Rechtsanspruch".

Der Berliner Senat tut sich schwer, eine rechtlich korrekte und moralisch vertretbare Position gegenüber der Adass Jisroel einzunehmen. Einerseits, heißt es, "hat die Auflösung der alten Adass Jisroel keine rechtliche Gültigkeit, sie war eine Unrechtsmaßnahme der Nazis", andererseits ist die "Adass Jisroel der Familie Offenberg nicht die legitime Rechtsnachfolgerin der alten Gemeinde, sie ist eine Neugründung unter demselben Namen, den kann jeder benutzen, weil es darauf kein Copyright gibt". Durch die Rücknahme der Klage vor dem Verwaltungsgericht sei "eine Hängepartie" entstanden, die nun auf dem Verwaltungswege entschieden werden müsse. "Wenn wir zu der Auffassung kommen, da hat sich eine jüdische Gemeinde gebildet, dann werden wir sie so behandeln, wie wir es in parallelen Fällen tun." Offenberg könnte Geld für den Unterhalt einer Schule oder Zuwendungen für kulturelle Veranstaltungen beantragen, wie andere kirchliche Einrichtungen auch.

Das wäre Offenberg nicht genug. "Die Wiederaufnahme der Arbeit und die Wiederherstellung der Handlungsfähigkeit der Gemeinde – eine solche Arbeit ist in Deutschland eine hochmoralische Angelegenheit", sagt der Geschäftsführer der Adass Jisroel. Und wann immer Geschäftsleute das Wort "Moral" aussprechen, muß der hochmoralische Zweck ganz profane Mittel heiligen. Denn: Von der rechtlichen Anerkennung als Nachfolgerin der von den Nazis 1939 liquidierten Gemeinde hängt es ab, ob die neue Adass Jisroel die Verfügungsgewalt über das Eigentum der alten Adass Jisroel behalten kann oder unter Umständen wieder abgeben muß, falls sich legitime "Erben" zu einer Klage entschließen. Ein "Erbe" – das wäre zum Beispiel die Jewish Claims Conference in New York, die ihren Anspruch auch bereits angemeldet hat. Es geht nicht um Senatssubventionen, sondern um Millionenwerte in Gestalt der Adass-Immobilien in bester Lage in der City.

So hat es seine eigene innere Logik, wenn Geschäftsführer Offenberg so tut, als stünde die Gestapo wieder vor der Tür, kaum daß die einfache Frage nach seiner Legitimation gestellt wird. Am 8. August 1991 faxte er an alle Berliner Zeitungsredaktionen einen "Offenen Brief an Senat und Abgeordnetenhaus von Berlin": "Die Israelitische Synagogengemeinde Adass Jisroel zu Berlin – K.d.ö.R. – sieht sich in ihrer Existenz bedroht. Sie wendet sich deshalb an die Öffentlichkeit, um eine politische Fehlentscheidung zu verhindern." In Berlin werde "unter Ausschluß der Öffentlichkeit ein präzedenzloser Unrechtsakt vorbereitet", eine jüdische Gemeinde soll "entrechtet und enteignet werden", dies wäre dann die "zweite Liquidierung einer Gemeinde, die bereits einmal von den Nazis verboten, enteignet und verfolgt wurde". Der offene Brief endet mit der Feststellung: "Nach Auschwitz gibt es Dinge, über die eine deutsche Verwaltung nicht einmal hypothetisch nachdenken sollte. Die Entrechtung und Enteignung von Adass Jisroel gehört zu diesen Dingen."

Tote Seelen in Berlin

Diese Art der moralischen Erpressung hat Offenberg schon einmal erfolgreich angewandt. Auf die Frage, "mit welchem Recht er die Adass Jisroel vertritt", erinnert sich der ehemalige Staatssekretär für Kirchenfragen, Klaus Gysi, "reagierte er mit äußerster Empfindlichkeit und sagte, nachdem die Nazis alle umgebracht hätten, kämen nun wir und setzten diese Politik fort..." Trotzdem hat es Gysi nicht zum Bruch kommen lassen; er dachte sich, "das ist eine innerjüdische Angelegenheit, ich kann nicht als Vertreter eines Staates, der sechs Millionen Juden umgebracht hat, nun hingehen und gewissermaßen sortieren: die ja, die nein." Hinzu kam noch eine andere Überlegung: "... daß es uns vielleicht ganz gut ansteht, eine Gemeinde zu haben, die zwar als Gemeinde hier nicht existiert, die aber in der ganzen Welt ihre Anhänger hat, die immer herkommen".

Und so waren die DDR-Bürokraten schließlich entschlossen, alles zu glauben, was ihnen Offenberg erzählte, auch die aberwitzigsten Konstruktionen. Hermann Kalb, Stellvertreter und Nachfolger Gysis im Amt des Staatssekretärs für Kirchenfragen, erinnert sich: "Eine peinliche Frage für ihn war: Wie viele Mitglieder hat die Gemeinde? Da mußte er sagen: keines. Und da hat er uns doch sehr überzeugend dargestellt, daß nach dem Verständnis der Adass Jisroel jeder Adassianer in der Welt zur Berliner Gemeinde zählt, die Zugehörigkeit ist nicht an den Wohnsitz in Berlin gebunden. Wir haben auch mit Fachkundigen darüber gestritten. Es wurde uns von niemand nachgewiesen, daß es eine Gemeinde ohne Gemeinde nicht geben kann. Wir sind zu der Überzeugung gekommen, daß es möglich ist, daß sie als Gemeinde noch besteht, wenn noch Überlebende in der Welt da sind und wenn sie Eigentum haben. Es gibt ja auch Briefkastenfirmen, und die werden juristisch auch anerkannt."

Am 28. Dezember 1987 schrieb Ruth Offenberg, die Frau von Aribert und Mutter von Mario Offenberg, einen Brief an einen Adressaten in Israel, in dem sie die Schwierigkeiten beim Aufbau der Gemeinde Adass Jisroel beklagt. "Was tut sich eigentlich mit dem Gutachten des Rabbinats? Das könnte bei Hassemer [dem damaligen Kultursenator] gut ankommen, vor allem, um zu zeigen, daß wir nicht, wie Galinski ihm sagt," allein stehen, sondern daß ein Oberrabbinat, von dem sie glauben, daß es das von Israel ist (und man muß sie in diesem Glauben lassen) hinter uns steht..."

Bald darauf lag das gewünschte Gutachten vor, ausgestellt von einem der beiden Oberrabbiner Jerusalems, Itzhak Kollitz, der dies allerdings als Privatmann tat – und nicht im Namen des Rabbinats von Jerusalem. (Ein Rabbiner kann ebenso wie ein Universitätsprofessor Gutachten nach Belieben verfassen.) Er bat den Regierenden Bürgermeister von Berlin, bei den Bemühungen des Senats, "die jüdische Vergangenheit der Stadt zu bewahren, ... die Adass Jisroel nicht zu vergessen".

Elieser Ebner sieht genauso aus, wie man sich einen Rabbiner vorstellt. Ein würdiger älterer Herr mit einem langen weißen Bart und freundlichen Augen hinter dicken Brillengläsern. 1912 in Berlin geboren, besuchte er die Schule der Adass Jisroel bis zum Abitur im Jahre 1932. Dann studierte er Philosophie in der amerikanischen Emigration und wurde Rabbiner. 1973 ließ er sich in Jerusalem nieder. Seit Anfang 1990 ist er Rabbiner der Adass Jisroel, das heißt, er reist von Jerusalem "ab und zu nach Berlin", um die russischen Einwanderer, die den vorgezeigten Teil der Phantomgemeinde bilden, zu betreuen. Im Laufe der letzten anderthalb Jahre war er "fünf- oder sechsmal da", jeweils für eine kurze Zeit. Über Mario Offenberg sagt er: "Ich bin kein Detektiv, der nachforscht, was einer früher mal gemacht hat." Eine jüdische Gemeinde in Deutschland aufzubauen, hält er allemal für eine lobenswerte Idee. Etwas irritiert ist er nur, als er erfährt, daß im Gemeinde-Haushalt für das Jahr 1990 genau 42 000 Dollar als Rabbinergehalt ausgewiesen waren. Er hat das Geld nie bekommen, "nicht einmal einen Bruchteil davon". Ebner erhielt nur die Reisekosten ersetzt und ein kleines Honorar für jeden Besuch in Berlin.

Wie viele ehemalige Adassianer ihm seinerzeit Vollmachten gaben, ist ein Geheimnis, das Mario Offenberg nicht lüften will. Fest steht, daß viele der Vollmachtgeber ihre Unterschrift inzwischen zurückgezogen haben. Darunter auch Schmuel Auerbach aus Israel. Im Juni und Juli 1990 schrieb er zwei Briefe an den DDR-Ministerpräsidenten de Maizière, in denen er begründete, warum er seinerzeit Offenberg eine Vollmacht gab und warum diese nicht mehr gelten soll. Lothar de Maizière hat diese (und andere) Briefe nie beantwortet.

Auch Geschäftsführer Mario Offenberg hat sich um die Widerrufe der ihm gegebenen Vollmachten nicht gekümmert. In der Süddeutschen Zeitung wurde er mit dem Satz zitiert: "Als Berliner Gemeinde brauchen wir doch keine Vollmacht aus Israel." Darauf angesprochen, sagt er dann, er, Mario Offenberg, Urenkel des Adass-Jisroel-Mitbegründers Abraham Offenberg, sei entschlossen, "mit der Gemeinde Adass Jisroel in der Tradition der Vorfahren zu leben und zu wirken. Nach bestem Wissen und Gewissen ..."