Am 6. April 1989 trafen Vater und Sohn Offenberg mit dem Mitglied des Politbüros und 1. Sekretär der SED Berlin, Günter Schabowski, zusammen, um einer Reihe von Maßnahmen zuzustimmen, die vom Generalsekretär der SED, Erich Honecker, bereits genehmigt worden waren. Dazu gehörte unter anderem der "ungehinderte Zutritt" zu den Stätten der Adass Jisroel für Bürger aller Staaten "ohne Umtauschzwang", die Einrichtung eines Adass-Büros und die Errichtung einer Feierhalle auf dem Friedhof. In einer Protokollnotiz über dieses Treffen heißt es: "Zu diesem Zeitpunkt erklärte Dr. Offenberg, daß keinerlei finanzielle oder materielle Forderungen an die DDR bestünden. ‚Wir wollen von der DDR keine einzige Mark, kein einziges Gebäude, das ist nicht unser Thema. Uns geht es allein um die ungehinderte Religionsausübung entsprechend unserem eigenen Ritus.‘" Diese Zusicherung, heißt es in einer späteren Protokollnotiz, "wurde von Dr. Offenberg am 11. 5. 89 in einer weiteren Beratung mit dem Staatssekretär für Kirchenfragen wiederholt".

Doch bald darauf änderte Mario Offenberg seine Haltung und forderte "unter Berufung auf die Formel Wiedereinsetzung in alle Rechte’ die Rückgabe des damaligen Eigentums" der Adass Jisroel. Dabei wurde, so vermerkte der Staatssekretär für Kirchenfragen, "keinerlei Bereitschaft gezeigt, den von uns erbetenen Nachweis für die Berechtigung vorzulegen, daß die Familie Offenberg autorisiert ist, im Namen von Adass Jisroel zu handeln. Das hat Dr. Offenberg in schroffer Weise abgelehnt. Es gibt somit keinen juristischen Beweis für eine Beauftragung Dr. Offenbergs, im Sinne der Gemeinde Adass Jisroel zu wirken." An einer anderen Stelle desselben Schriftstücks heißt es: "... die Familie Offenberg, die sich mit Adass Jisroel als identisch erklärt. ..."

Es war den Mitarbeitern des Staatssekretariats für Kirchenfragen zwischendurch durchaus bewußt, daß sie es mit einem Familienunternehmen zu tun hatten, dessen Legitimation fragwürdig war.

Freilich – zu diesem Zeitpunkt, Mitte 1989, waren wichtige Entscheidungen bereits gefallen. Im Juni 1988 hatte der Ostberliner Magistrat die Änderung der Einträge in den Grundbüchern beschlossen, so daß Adass Jisroel (Vorsitzender: Aribert Offenberg, Geschäftsführer: Mario Offenberg) als Eigentümerin des Friedhofs, des Gemeinde-Zentrums in der Tucholskystraße und des ehemaligen Gemeindekrankenhauses in der Wilhelm-Pieck-Straße ausgewiesen wurde. (Was bedeutet: Für die DDR war Offenbergs neue Adass Jisroel identisch mit der alten.) Bei einem Staatsakt der Regierung der DDR aus Anlaß des fünfzigsten Jahrestages der Kristallnacht – behördenintern "Pogrom 50" genannt – verkündete Erich Honecker vor geladenen Gästen aus dem In- und Ausland, daß "die DDR ihre jüdische Gemeinde Adass Jisroel in alle ihre Rechte einsetzt". Allerdings – das der Gemeinde unter Propagandagedröhn zurückerstattete Eigentum wurde weiterhin "treuhänderisch" von Organen der DDR verwaltet. Im ehemaligen Gemeindezentrum saß die Staatsfirma Interwerbung, im ehemaligen Krankenhaus hatte die Reichsbahn ihre Büros. Nur auf dem Friedhof war Adass Jisroel Herr im eigenen Haus. Ein "weitergehendes Entgegenkommen in bezug auf die faktische Rückgabe von Eigentumstiteln" konnte, wie es in einem Papier des Staatssekretariats für Kirchenfragen vom 6. November 1989 heißt, schon deshalb "nicht vorgenommen werden, da dafür in der DDR keinerlei juristische und personelle Voraussetzungen bestehen".

Doch dieses Manko sollte unmittelbar darauf behoben werden. Am 9. November 1989 fiel die Mauer, und mit einem Schlag waren die "juristischen und personellen Voraussetzungen" hergestellt. Lothar de Maizière, der Rechtsanwalt von Adass Jisroel, wurde noch unter Hans Modrow stellvertretender Ministerpräsident und zuständig für Kirchenfragen. In dieser Funktion machte er sich ohne weitere Verzögerung daran, die Vorlagen, die er im Auftrag seiner Mandanten bei der Regierung der DDR eingereicht hatte, zu realisieren. Schon am 18. Dezember 1989, zum fünfzigsten Jahrestag der Auflösung von Adass Jisroel, gab die Regierung der DDR eine Erklärung ab, die inhaltlich und streckenweise sogar wörtlich identisch war mit dem "Entwurf einer Erklärung", die Lothar de Maizière genau ein Jahr zuvor der Regierung der DDR vorgelegt hatte. Der stellvertretende Ministerpräsident de Maizière führte die Arbeit des Rechtsanwalts de Maizière fort, ohne daß irgendwer an dieser Kontinuität Anstoß genommen hätte. Damals wurde, sagt de Maiziere heute, "wenn man so will, an den Verhandlungsstand angeknüpft, der bis zu diesem Zeitpunkt erreicht worden war. Ich habe auch keine Veranlassung gehabt, meine Handschrift zu leugnen, warum auch?"

Für die Offenbergs wurde die Zeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung zu einem wahren Glücksjahr, Göttin Fortuna schüttete ihr Füllhorn über ihnen aus. Schon Anfang März 1990 wurde ein Budget für die Adass Jisroel zur Verfügung gestellt. Für "Löhne und Gehälter und laufende Kosten zur Gestaltung des Gemeindelebens" wurden "30 TM monatlich" angesetzt, für die Bezahlung eines Rabbiners wurden "7000,– Dollar monatlich" zur Verfügung gestellt, die der Mitarbeiter des Kirchensekretariats Dieter Wieland jeweils um Ultimo herum in bar rüberbrachte; die "Übernahme der Miet- und Unterhaltungskosten" für eine offenbar dringend benötigte "Begegnungs- und Erholungsstätte am Mellensee" (ein PDS-Objekt) sollte "jährlich 300 TM" kosten; die Firma Interwerbung und die Reichsbahn wurden angewiesen, die Gebäude Tucholskystraße und Wilhelm-Pieck-Straße zum Ende Juni zu räumen; für den Vorstand und den Rabbiner der Gemeinde wurden "drei möblierte Vollkomfortwohnungen" in der Nähe des Gemeindehauses gefunden, es wurden Bau- und Rekonstruktionsmaßnahmen vorgesehen, der Oberbürgermeister von Berlin Ost wurde angewiesen, "Adass Jisroel in das gesellschaftliche Leben" der Stadt einzubeziehen.

Alles in allem bekam die Gemeinde von der Regierung der DDR im Jahre 1990 genau 2 988 000 Mark und 42 000 Dollar ausbezahlt, wobei ein Teil des Markbetrages in der zweiten Hälfte des Jahres schon in D-Mark ausbezahlt wurde. Über die Verwendung der von Mario Offenberg so genannten "Anschubfinanzierung" wurden weder gegenüber den Behörden der DDR noch der Bundesrepublik Belege vorgelegt. "Die Zuteilung von Etatmitteln erfolgte wie an andere Gemeinden auch", sagt Lothar de Maizière heute, "es entsprach der Praxis früherer DDR-Regierungen, die Verwendung der Mittel nicht nachzuprüfen."