So wurde der Vorstand einer Phantomgemeinde mitsamt seinen Mitarbeitern aus öffentlichen Mitteln finanziert, was früher oder später einer Revisionsbehörde aufgefallen wäre. Da kam ein weiterer Zufall dem Geschäftsführer des Unternehmens zu Hilfe: Nachdem die Regierung der DDR sich bereit erklärt hatte, verfolgten Juden eine Heimstätte zu bieten, kamen noch 1990 einige tausend jüdische Emigranten aus der Sowjetunion in die DDR. Rund 200 von ihnen fanden den Weg zu Adass Jisroel, wo sie freundlicher und mit weniger bürokratischem Aufwand empfangen wurden als in den etablierten jüdischen Gemeinden von Ost- und West-Berlin. Damit hatte der Vorstand endlich seine Gemeinde gefunden, aus einem ABM-Projekt großen Stils wurde ein kleiner Dienstleistungsbetrieb, der sich um die russischen Neueinwanderer kümmerte.

Schon 1989, am 28. März, hatte die Gemeinde Adass Jisroel beim Berliner Verwaltungsgericht eine Klage gegen das Land Berlin eingereicht. Das Gericht sollte feststellen, daß Adass Jisroel "auch im Geltungsbereich des Grundgesetzes, insbesondere in Berlin West als Körperschaft des öffentlichen Rechts fortbesteht". Ende März 1991, kurz vor dem Verhandlungstermin, wurde die Klage zurückgezogen. Als Begründung gab der Adass-Rechtsanwalt zu Protokoll: "Die Klägerin verfolgt ihr Begehren in unmittelbaren Gesprächen mit dem Beklagten (i.e. dem Berliner Senat) weiter." Inzwischen gibt Mario Offenberg einen anderen Grund für den Verzicht auf den Rechtsweg an. Die Klage habe sich "einfach überlebt", nachdem nach der Wende in der DDR "die Wiedereinsetzung der Gemeinde in alle ihre Rechte vollzogen wurde". Die durch den Einigungsvertrag garantierte Fortexistenz der Körperschaften des öffentlichen Rechts habe dazu geführt, "daß wir uns gesagt haben, es ist ja alles da, was soll man denn einklagen?"

Um dennoch die Anerkennung seiner Gemeinde auch im Westteil der Stadt als Körperschaft des öffentlichen Rechts durchzusetzen, griff Offenberg zu einem außergerichtlichen Mittel. Am 14. Dezember 1990 erschien im Amtsblatt für Berlin unter dem Rubrum "Jüdische Gemeinde" eine Bekanntmachung, derzufolge am 26. November 1990 "die Vorstandswahlen und die Generalversammlung der Israelitischen Synagogengemeinde Adass Jisroel zu Belin, K.d.ö.R., stattfanden". Seitdem verschickt Offenberg Kopien des Amtsblatt, um anhand dieser amtlichen Veröffentlichung zu beweisen, daß seine Gemeinde auch in Westberlin als eine K.d.ö.R. anerkannt wird.

"Ich habe mit den Ohren gewackelt, als ich das gesehen habe", sagt ein höherer Beamter im Berliner Senat. "Als wir dann bei den Leuten, die das Amtsblatt machen, nachfragten, sagten die: ‚Wir prüfen die einzelnen Mitteilungen, die uns gemacht werden, nicht nach.‘ Die haben nicht gemerkt, daß da etwas ganz anderes gemeint war, weil es unter der Firma Jüdische Gemeinde’ ankam. Und die ist ja seit den siebziger Jahren eine Körperschaft des öffentlichen Rechts." Aber das werde Offenberg nichts nutzen, sagt der Beamte, denn "eine Falsa demonstratio begründet keinen Rechtsanspruch".

Der Berliner Senat tut sich schwer, eine rechtlich korrekte und moralisch vertretbare Position gegenüber der Adass Jisroel einzunehmen. Einerseits, heißt es, "hat die Auflösung der alten Adass Jisroel keine rechtliche Gültigkeit, sie war eine Unrechtsmaßnahme der Nazis", andererseits ist die "Adass Jisroel der Familie Offenberg nicht die legitime Rechtsnachfolgerin der alten Gemeinde, sie ist eine Neugründung unter demselben Namen, den kann jeder benutzen, weil es darauf kein Copyright gibt". Durch die Rücknahme der Klage vor dem Verwaltungsgericht sei "eine Hängepartie" entstanden, die nun auf dem Verwaltungswege entschieden werden müsse. "Wenn wir zu der Auffassung kommen, da hat sich eine jüdische Gemeinde gebildet, dann werden wir sie so behandeln, wie wir es in parallelen Fällen tun." Offenberg könnte Geld für den Unterhalt einer Schule oder Zuwendungen für kulturelle Veranstaltungen beantragen, wie andere kirchliche Einrichtungen auch.

Das wäre Offenberg nicht genug. "Die Wiederaufnahme der Arbeit und die Wiederherstellung der Handlungsfähigkeit der Gemeinde – eine solche Arbeit ist in Deutschland eine hochmoralische Angelegenheit", sagt der Geschäftsführer der Adass Jisroel. Und wann immer Geschäftsleute das Wort "Moral" aussprechen, muß der hochmoralische Zweck ganz profane Mittel heiligen. Denn: Von der rechtlichen Anerkennung als Nachfolgerin der von den Nazis 1939 liquidierten Gemeinde hängt es ab, ob die neue Adass Jisroel die Verfügungsgewalt über das Eigentum der alten Adass Jisroel behalten kann oder unter Umständen wieder abgeben muß, falls sich legitime "Erben" zu einer Klage entschließen. Ein "Erbe" – das wäre zum Beispiel die Jewish Claims Conference in New York, die ihren Anspruch auch bereits angemeldet hat. Es geht nicht um Senatssubventionen, sondern um Millionenwerte in Gestalt der Adass-Immobilien in bester Lage in der City.

So hat es seine eigene innere Logik, wenn Geschäftsführer Offenberg so tut, als stünde die Gestapo wieder vor der Tür, kaum daß die einfache Frage nach seiner Legitimation gestellt wird. Am 8. August 1991 faxte er an alle Berliner Zeitungsredaktionen einen "Offenen Brief an Senat und Abgeordnetenhaus von Berlin": "Die Israelitische Synagogengemeinde Adass Jisroel zu Berlin – K.d.ö.R. – sieht sich in ihrer Existenz bedroht. Sie wendet sich deshalb an die Öffentlichkeit, um eine politische Fehlentscheidung zu verhindern." In Berlin werde "unter Ausschluß der Öffentlichkeit ein präzedenzloser Unrechtsakt vorbereitet", eine jüdische Gemeinde soll "entrechtet und enteignet werden", dies wäre dann die "zweite Liquidierung einer Gemeinde, die bereits einmal von den Nazis verboten, enteignet und verfolgt wurde". Der offene Brief endet mit der Feststellung: "Nach Auschwitz gibt es Dinge, über die eine deutsche Verwaltung nicht einmal hypothetisch nachdenken sollte. Die Entrechtung und Enteignung von Adass Jisroel gehört zu diesen Dingen."