Diese Eigenständigkeit, die Blocks Kamera gegenüber den Geschehnissen einnimmt, hat einen besonderen Effekt: Sie macht die Szenen brüchig, lückenhaft. Das grauenvolle Geschehen entwickelt so einen beiläufigen Charakter. Was uns Zuschauern den Raum öffnet, das Grauen nur um so tiefer zu fühlen. Die Bilder emotionalisieren, ohne daß sie uns blind machen für eigene Einsichten; sie sind schlagend, ohne daß sie einen erschlagen.

Gegenüber Reinhard Hauffs großmäuligem Polit-Thriller "Blauäugig", der das gleiche Thema zur gleichen Zeit abhandelt, ist Jeanine Meerapfels politisches Melodram eine nachdenkliche Studie über die rebellische Macht inmitten politischer Ohnmacht, mit vielen leisen Zwischentönen – hierzulande allein vergleichbar mit Peter Lilienthals radikalen Polit-Tragödien.

Am Ende droht der Film allerdings zu kippen. In einem langen Gespräch gibt es die verdoppelnde, eindeutige conclusio. Maria redet noch einmal über ihre Gefühle, die sie verändert haben. Aber glücklicherweise läßt Jeanine Meerapfel sich viel Zeit für die Augenblicke danach. Maria beendet ihren Monolog; doch man kann sie weiter ansehen, in aller Ruhe. Als dann nach einer Ewigkeit immer noch kein Schnitt kommt, hat man Zeit, ihr Gesicht regelrecht zu erforschen, ihre trotzige Stirn, ihre faltenreichen Wangen, ihren energischen Mund. Und wie ihre Haare im Wind sich bewegen. So dominiert schließlich doch das Ungesagte, das zu konkretisieren unserer Phantasie überlassen bleibt. Und die Ruhe zur dauernden Beobachtung, die einen zum träumenden Weiterspinnen anregt.

Ein Nachtrag noch: An manchen Bildern sieht man, wie alt Jeanine Meerapfels Film bereits ist. In Berlin fährt noch der 19er Bus die lange Strecke von Charlottenburg nach Neukölln (seit längerem schon ist es der 119er), und selbst die Mauer steht noch. Daß so ein interessanter Film, mag der eine ihn nun schlechter, der andere ihn besser finden, fast drei Jahre braucht, um in unsere Kinos zu kommen, ist bezeichnend. Es wirft kein gutes Licht auf den Stand der (Kino-)Dinge hierzulande.