Die Entdeckung neuer Wirbeltierarten gilt als große Rarität. Aber erst kürzlich wurde, erstmals nach 28 Jahren, wieder eine neue Walart beschrieben (ZEIT Nr. 201991). Dabei handelte es sich um das bisher kleinste Mitglied der Familie der Schnabelwale, den mesoploentdeckten Zwerg die Rede, nämlich einem nahezu schwanzlosen, unscheinbaren Vögelchen von der Größe eines Zaunkönigs. Zwei deutsche Forscher sind ihm durch kuriose Zufälle auf die Spur gekommen.

"Ungefleckte Moostimalie", wissenschaftlich gehört zur Gattung der in Südostasien verbreiteten Schuppentimalien (pnoepyga), deren Artenzahl sich nunmehr auf drei erhöht hat. Timalien sind mit den Fliegenschnäppern und Grasmücken eng verwandte Singvögel.

Entdeckt und beschrieben wurde die Ungefleckte von den Zoologen Professor Jochen Martens von der Universität Mainz und Siegfried Eck vom staatlichen Museum für Tierkunde in Dresden. Das Tierchen hat einen sehr kurzen Schwanz, einen kurzen Schnabel und ist von schlichter, brauner bis olivgrüner Färbung. Es lebt nahezu ausschließlich auf dem Boden, wo es zwischen Farnkräutern, Felsen und Baumwurzeln herumwuselt und seine Hauptnahrung aufstöbert, nämlich kleine Kerbtiere.

Das Verbreitungsgebiet reicht von Westzentralbis Ostnepal. Ob immaculata auch in anderen Regionen vorkommt, wird sich erst noch zeigen müssen. Zumindest in Nepal ist die neuentdeckte Vogelart bereits stark gefährdet. Die Waldvegetation ist in Höhen bis 2300 Metern in vielen Landesteilen massiv stark reduziert worden und lokal schon großflächig verschwunden, besonders im Osten. Das Waldgebiet, in dem Martens sein Exemplar fand, lag inmitten von neu entstandenem Kulturland — und die Rodungen dauern dort an. In vergleichsweise gutem Zustand befinden sich hingegen die beiden Vorkommen in Thakkhola, das zwischen dem Dhanlagiri- und dem Annapurna Gebirge liegt. Dort sind noch große Wälder vorhanden. Nicht nur wegen der Ungefleckten Moostimalie, sondern zum Erhalt der gesamten, höchst empfindlichen Monsun Bergwaldregion wären große Schutzgebiete dringend erforderlich.

Der Gesang der Ungefleckten war der Schlüssel zu ihrer merkwürdig verlaufenen Entdeckung. Er erinnert entfernt an jenen der Heckenbraunelle und besteht aus hellen, hochfrequenten Reihen aufeinanderfolgender Pfeiftöne. Bereits im Jahr 1980 hörte Professor Martens auf einer Exkursion in Nepal eine Vogelstimme, die er noch nicht kannte. Es gelang ihm, eine Tonbandaufnahme zu machen. Die Gestalt des Tieres war Martens jedoch sehr wohl vertraut. Zweifellos handelte es sich um eine Timalie der Gattung pnoepyga. Die Gesangsstrophen der beiden bis dato bekannten Pnoepyga Arten, der Schuppentimalie albiventer und der Moostimalie pusilla, wichen aber deutlich vom Gesang des aufgenommenen Vogels ab. Martens gelang es sogar, den Sänger zu fangen. Damit hatte er ein Belegexemplar und die Aufnahme. Er brachte beide nach Deutschland und beschloß, gelegentlich die merkwürdig singende Timalie genauer unter die Lupe zu nehmen. Doch dann geriet der Schatz in seiner umfangreichen Nepalsammlung zunächst in Vergessenheit.

Erst im vergangenen Jahr nahm sich der Dresdner Gast Siegfried Eck der Sammlung von Martens an. Eck entdeckte feine morphologische Unterschiede zu pnoepyga albiventer, der Gefleckten Moostimalie. Der Schnabel der "neuen Art" war etwas länger, die Färbung auf der Oberseite des Vogels nicht rötlichbraun wie bei albiventer, sondern grünlich. Auf der Unterseite haben die beiden altbekannten Pnoepyga Arten eine schuppenartige Gefiederzeichnung, die aber bei immaculata spitzer verläuft. Internationale Nachforschungen ergaben dann, daß auch in anderen Museen, etwa in London und New York, einige Exemplare von Expeditionen gesammelt, aber nicht entsprechend zugeordnet hatten. Siegfried Eck konnte auch diese Exemplare genau inspizieren und stellte fest, daß alle Strukturmerkmale mit dem Piepmatz der Mainzer Sammlung identisch waren. Die eher geringfügigen morphologischen Unterschiede alleine reichten aber noch nicht aus, um eine neue Art zu postulieren. Den entscheidenden Beweis erbrachte dann eine exakte Analyse des Gesanges. Lautäußerungen sind wichtige Elemente im Leben eines Singvogels, denn über sie verständigen sich die Individuen einer Art. Für die Wissenschaftler sind die Strukturen der Gesangsstrophen ein Merkmal zur Abgrenzung von Arten. Da sich die Gesänge, die Martens aufgenommen hat, von jenen der pnoepyga albiventer deutlich unterscheiden und beide im selben Gebiet vorkommen, muß die Ungefleckte Moostimalie als neue Art in die Systematik aufgenommen werden.

Ihre seltsame Entdeckungsgeschichte läßt erwarten, daß künftig über den Gesang noch weitere Arten gefunden werden, die sich morphologisch nur wenig voneinander unterscheiden.