Die Diskussion über die Zulassung iranischer Verlage zur Frankfurter Buchmesse nimmt groteske Züge an. Michael Naumann, Chef des Rowohlt Verlages und einer der Teilhaber des Verlags Artikel 19, der Rushdies Roman "Die satanischen Verse" auf deutsch publiziert hatte, veröffentlichte dieser Tage in der FAZ eine längere Darlegung, deren Absicht drei Spalten im dunkeln blieb, bis er endlich in der vierten Spalte den wahren Beweggrund seiner Formulierungsarbeit enthüllte: Es war sein Zorn gegen die in der ZEIT Nr. 38 unter dem Titel "Buchmessen-Schande" erschienene Glosse von Rolf Michaelis, die den Beschluß des Börsenvereins kritisiert hatte, Verlagen aus dem Iran die Teilnahme an der Messe nun doch zu gestatten.

Rushdie habe sich, so Naumann, zu Kompromissen mit seinen Gegnern bereit gefunden. "Kompromißlos allein bleibt das deutsche Feuilleton, Hamburg." Ergänze: der ZEIT. Zwei Sätze, zwei Fehler. Ad eins: Rushdie hat erst kürzlich wieder die Öffentlichkeit um Beistand und Solidarität gebeten und hat dem Börsenverein, wie die taz meldet, "Wortbruch" vorgeworfen. Vor zwei Jahren hatte der Messedirektor Weidhaas "mit Festigkeit" erklärt, der Iran bleibe von der Messe ausgeschlossen, "solange diese Morddrohung nicht aus der Welt ist". Sie ist nicht aus der Welt, sondern hat bereits ein Menschenleben gekostet: das des japanischen Übersetzers der "Satanischen Verse". Ad zwei: Nicht bloß das Feuilleton der ZEIT ist auf Rushdies Seite, auch das der FAZ und der taz, außerdem der PEN, außerdem Schriftsteller wie Enzensberger und Grass, Verlage wie Steidl und Das Arsenal, die der Messe nun fernbleiben.

Naumann hält dem ZEIT- Feuilleton vor, es hätte mit größerem Recht gegen die Buchmessen-Teilnahme der DDR protestieren müssen. Weil es dies seinerzeit unterlassen habe, zähle auch die jetzige Kritik nichts. Zwei Sätze, ein Schwachsinn. Er operiert schlau mit dem Verdikt, wer einmal gestolpert sei, dürfe hinfort nie wieder aufrecht gehen. Aber die Schlauheit verfängt schon deshalb nicht, weil nie jemand (und auch nicht die ZEIT) mit dem Reinheitsgebot aufgetreten ist, Länder, in denen Zensur herrsche, dürften nicht an der Messe teilnehmen. Die wäre sonst leer. Dies aber ist kein Fall von Zensur, sondern viel schlimmer.

Was Naumann, Weidhaas et al. nicht begreifen: So etwas hat es noch nie gegeben. Chomeinis Todesurteil richtet sich nicht bloß gegen Rushdie, sondern gegen alle, die der Verbreitung der "Satanischen Verse" mit Wort oder Tat dienlich sind. "Was in Wahrheit zur Debatte steht", sagt Naumann, "ist nur eines: Wie ist das Leben Salman Rushdies zu schützen?" Irrtum. Dem Autor hilft Scotland Yard, so Gott will. Der Schutz seines Lebens ist nicht Sache des Börsenvereins, glücklicherweise. Was in Wahrheit zur Debatte steht, ist nur eines: Wie sind Meinungs- und Kunstfreiheit (und zwar nicht nur die von Rushdie, sondern auch die unsrige) zu schützen?

Jeder Boykott, und seien seine Motive noch so ehrenwert, ist geschlagen von dem Dilemma, daß er auch die Falschen trifft. Mag sein, daß ein Messeverbot liberale Intellektuelle und Verlage des Irans schmerzlich träfe. Größeres Gewicht in diesem Fall hat die Solidarität mit Rushdie und das Standhalten gegen fundamentalistische Atavismen. Naumann hingegen, nachdem er umständlich den Druck geschildert hat, den das Auswärtige Amt auf den Börsenverein ausgeübt haben soll, und nachdem er die moralischen Defizite Möllemanns mutig gegeißelt hat, weiß "gegen iranische Messestände in Frankfurt im Prinzip nichts einzuwenden" und setzt "auf das stetig wirkende Gift der Vernunft". Wollen wir hoffen, daß das Gift kein Schlafmittel ist.

Die Rushdie-Debatte der letzten Jahre, so urteilt Naumann, gebe Zeugnis vom "ethischen Zustand der Republik". Er sei "durch einen frappanten Mangel an Zivilcourage und common sense charakterisiert". Danke gleichfalls. Ulrich Greiner