Von Kurt Biedenkopf

Auch wenn uns die Einsicht inzwischen zwingend erscheint, daß sich angesichts der ökologischen Frage etwas Grundlegendes verändern muß, sind wir doch im alten Denken befangen. Es ist gekennzeichnet durch die Vorstellung, materielles Wachstum bedeute Fortschritt.

Dieses Denken war auch für die sozialistischen Gesellschaften bestimmend. Auch sie strebten eine ständige Vermehrung der Bedürfnisbefriedigung und ständiges Wachstum der materiell verfügbaren Güter und Dienstleistungen an. Nicht um das Ziel ökonomischer Aktivitäten wurde in den ideologischen Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte vor allem gestritten, sondern über die Wege, auf denen man das Ziel am besten erreichen könnte. Dieser Streit ist zugunsten der marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnungen entschieden. Zentralplanwirtschaftliche Ordnungen waren weder in der Lage, die wachsende Komplexität entwickelter Industriegesellschaften zu beherrschen, noch gelang es ihnen, menschliche Initiative in ausreichendem Maße freizusetzen.

Der "Sieg" der marktwirtschaftlichen Ordnungen im "Wettkampf der Systeme" bedeutet jedoch nicht, daß damit auch die bis heute gültige Wachstumsorientierung als richtige Zielvorgabe bestätigt worden sei. Für die weitere, nunmehr gesamtdeutsche Reformdiskussion ist diese Feststellung von wesentlicher Bedeutung. Sie zeigt uns, daß das weitere gemeinsame Gespräch über ökologische Reformen eine bisher von keinem der beiden Systeme gelöste Fragestellung zum Gegenstand hat. Konkret geht es um die Möglichkeit der Vereinbarkeit einer wachsenden Wirtschaft mit dem Erfordernis eines zukunftsfähigen Gleichgewichts mit der Umwelt. Diese Frage ist bisher weder von sozialistischen noch von marktwirtschaftlichen Ordnungen befriedigend beantwortet worden.

Innenpolitisch war und ist man überzeugt, daß das Wachstum der Wirtschaft, genauer, der verfügbaren Verteilungsmasse, eine notwendige Bedingung für die Regierbarkeit der modernen industriellen Demokratien sei. Akzeptiert man die Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum als Bedingung der Regierbarkeit – und diese Auffassung ist nach wie vor herrschend –, so hat dies für unsere Feststellung weitreichende Folgen. Da kein Staat auf die Regierbarkeit des Landes verzichten kann – der Verzicht steht gewissermaßen außerhalb jeder politischen Disposition, denn er würde die Gesellschaft in ihrer Existenz gefährden –, wäre, wenn die Annahme zuträfe, Wirtschaftswachstum eine existentielle Bedingung der modernen Industriegesellschaft.

Ob dem Wachstum der Wirtschaft im Sinne der Vermehrung der Verteilungsmasse diese aus der Regierbarkeit moderner Industriedemokratien abgeleitete Priorität zukommt: Diese Frage ist für die Zukunft der Industriegesellschaft entscheidend. Müssen wir sie bejahen, so hat Wirtschaftswachstum im Zielkonflikt mit den weiteren Zielen der Wirtschaftspolitik, einschließlich der ökologischen Zielsetzung, nicht nur Vorrang. Seine Bedeutung rechtfertigt auch die Folgen exponentiellen Wachstums, insbesondere den wachsenden Ressourcenverzehr.

Dieser Ressourcenverbrauch geht nicht nur zu Lasten der Umwelt, sondern auch zu Lasten der Dritten Welt. Obwohl die modernen Industrienationen weniger als zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, nehmen sie für sich rund achtzig Prozent des Energieverbrauchs in Anspruch. Das heißt aber: Die hochentwickelten Industrienationen haben wirtschaftliche Systeme entwickelt, die offenbar nicht für alle Menschen auf der Erde in gleicher Weise anwendbar sind. Sie sind, mit anderen Worten, nicht verallgemeinerungsfähig. Sie sind offensichtlich nicht auf die gesamte Weltbevölkerung übertragbar. Denn es ist ebenso offensichtlich, daß die Energieerzeugung auf der Erde nicht in dem Umfang gesteigert werden kann, der notwendig wäre, um alle Bewohner dieser Erde in den Genuß des gleichen Energieverbrauchs zu bringen, wie er den Einwohnern in den hochindustrialisierten Ländern selbstverständlich erscheint; vom Verbrauch der Energie und seinen ökologischen Folgekosten ganz zu schweigen. Also müssen wir uns überlegen, auf welche Weise man die Spannungen abbauen kann, die sich aus unserer Privilegierung ergeben werden. Und auf diesem Wege müssen wir bei uns selbst beginnen.