Von Tobias Gohlis

Achtung! Im Zuge der politischen Neuorientierung sind weitere Umbenennungen zu erwarten!" Die Warnung, die im neuen Baedeker Deutschland-Ost jeder Kartenskizze beigegeben ist, trifft im erweiterten Sinn auf alle Reiseführer zu, die die fünf neuen Reiseländer darzustellen suchen. Die Dinge und ihre Begriffe sind im "Beitrittsgebiet", wie es der Einigungsvertrag nennt, im Fluß, und da bleibt so mancher auf der Strecke.

Nicht zuletzt der voluminöse Ost-Baedeker selbst, der zwar vorgibt, eine gänzlich revidierte Fassung des bisherigen DDR-Bandes zu sein, aber an einigen Stellen mit der Revision nicht sehr weit gekommen ist. Zwei – zugegebenermaßen pingelige – Anmerkungen. Erstens: Im Hotelverzeichnis fehlt das Ferienhotel Klink, das im Großraum Waren / Müritz entscheidende Versorgungsfunktion hat. Wer sich darauf verläßt, im einzigen angegebenen Hotel Unterkunft zu finden, ist aufgeschmissen.

Zweitens: Im Artikel "Berühmte Persönlichkeiten", der hauptsächlich Schriftsteller für berühmt hält (Kurt Masur zum Beispiel fehlt) und dessen Sinn man eh bezweifeln kann, findet auch der berühmte Hermann Kant Erwähnung. "Hermann Kant hat sich im Schriftstellerverband der DDR engagiert und wurde dessen Vorsitzender. (...) Auf dem IX. Schriftstellerkongreß der DDR hielt er eine Rede, mit der er sich besonders mit den Pflichten und Möglichkeiten der Schriftsteller, für den Frieden zu wirken, auseinandersetzte." Nun ist ein Reiseführer keine Literaturgeschichte. Aber Zensurbefürworter und SED-ZK-Mitglied Kant als Friedenskämpfer zu loben ist schon ein starkes Stück. Soviel zu Baedekers Revisionen. Um den Band kommt man dennoch nicht herum, wenn man eine komprimierte und dennoch ausführliche Übersicht über ostdeutsche Reiseziele braucht – Sehenswürdigkeiten wie immer von A bis Z.

Doch die Zukunft der Neubeschreibung liegt in den Regionen und Orten, wo sich neue Autorenteams und Verlage an die Erschließungsarbeit machen. Aus der wachsenden und immer unübersichtlicher werdenden Masse der Städte-, Regional- und Spezialführer (zum Beispiel für Radfahrer und Wassersportler), die mit deutscher Gründlichkeit allmählich bekannte Urlaubsziele betexten und bebildern, seien einige herausgegriffen, die sich vom Gehabten unterscheiden.

Potsdam, das 993 in einer Schenkungsurkunde Ottos III. erstmals als Poztupimi genannt wird, bereitet sich auf den 1000. Geburtstag vor. Auf eine erfrischend intelligente Art kann das der Reisende mit Bernhard Schneidewinds "Potsdam und Umgebung" auch tun. Anstelle der üblichen Demutsstarre, die in den Schlaf- und Wohnräumen gekrönter Häupter den deutschen Reiseführerschreiber befällt, nutzt Schneidewind die architektonische Beschreibung der königlichen Gärten und Schlösser zur Feudalismuskritik. Er findet, Sanssouci hätte, wie Knobelsdorff vorschlug und der "Alte Fritz" ablehnte, einen Sockel haben sollen. Aber gerade das "Gemenge aus großer Geste und großem Pfusch" gefällt dem Autor.

Flott und kenntnisreich geschrieben, mit einem guten praktischen Teil, anschaulich auch durch die vielen historischen Zitate zu Politik, Kunst- und Sozialgeschichte, setzt dieses Büchlein Maßstäbe als Taschenführer, mit Ausnahme der leseunfreundlichen Schriftgestaltung.