Skeptiker meinen, die neueste Erfindung der Computerindustrie werde lediglich zu einer Art verbesserten Fernsehens führen. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß wir in wenigen Jahren mit einem neuen System leben werden, auf das wir ebensowenig verzichten wollen wie auf die gute Flimmerkiste: "Multimedia" heißt das neue Schlagwort.

Dahinter steckt eine Technik, von der einige Träumer schon lange geredet haben, nämlich von einem quasi universellen Computer, der gleichzeitig alle herkömmlichen Informationsträger (Medien) verarbeiten kann — Texte, Bilder und Photos, Sprache, Musik, Film- und Videosequenzen. Zukünftig sollen multimediale Systeme entstehen, die auf die Eingaben eines Benutzers "interaktiv" reagieren und ihm nicht abverlangen, einen festen, ausgetretenen Pfad entlangzutrotten (wie vielfach beim Buch und jedenfalls beim Fernsehen). Die neue Technik soll es ermöglichen, sich den eigenen Bedürfnissen entsprechend selbst den Weg durch gesammeltes Wissen oder Bildmaterial zu suchen, seien es Lexika, Warenhauskataloge, elektronische Lehr- und Sprachkurse, eigene Photoalben oder selbstgedrehte Filme.

Das Verbreitungsmedium für diese Datenflut wird eine kleine digitale Speicherplatte sein — äußerlich identisch mit der silberschimmernden CD für die Hi Fi Anlage und "CD ROM" genannt: Compact Disc — Read Only Memory. Was darauf an Daten geschrieben ist, kann der Computer also nur ablesen, nicht verändern. Mittelfristig soll auch ein multimedialer Datenaustausch über digitale Leitungsnetze stattfinden. Dies würde einen riesigen Zukunftsmarkt erschließen.

Die Europäische Konferenzmesse für Multimedia und CD ROM präsentierte deshalb kürzlich in Wiesbaden eine junge, selbstbewußte Branche. Doch warum ausgerechnet jetzt Multimedia? Die Computerfirmen stehen unter einem enormen Innovationsdruck: Nur mehr neue Ideen sichern das wirtschaftliche Überleben. Vor allem aber ist jetzt die Entwicklung preiswerter Mikrochips so weit, daß an die aufwendige digitale Verarbeitung bewegter Bilder für einen Massenmarkt zu denken ist.

Alle Informationen, die der Computer aufnimmt oder wiedergibt, ob stehendes oder bewegtes Bild, ob Ton oder Graphik, muß als eine Folge von Nullen und Einsen, als Bitmuster dargestellt werden. Das Beispiel Videotechnik verdeutlicht die enormen Anforderungen: Was jeder gewöhnliche Fernsehschirm bieten kann, bedeutet im Computer, Datenblöcke von 512 mal 384 einzelnen Bildpunkten 25mal in der Sekunde zu verarbeiten; jeder Bildpunkt besteht dabei, um die volle Farbenvielfalt zu erreichen, aus vier Farbanteilen, die mit jeweils acht Bit beschrieben werden. Daraus ergibt sich eine notwendige Datenrate von beinahe zwanzig Megabyte (Millionen Zeichen) pro Sekunde; jede Magnetspeicherplatte gebräuchlicher Personalcomputer wäre damit im Handumdrehen gefüllt, vor allem aber ließen sich die digitalen Bilder nicht genügend rasch ein- oder auslesen.

Das gilt noch viel mehr für die CD ROM. Auf ihr ist zwar genug Platz für Daten (mehr als 500 Megabyte), aber ihre Übertragungskapazität, die für Musik bestens ausreicht, ist für Videosignale erheblich zu langsam, und zwar ISOfach.

Diese Hürde umgehen die Techniker, indem sie das Signal für die Speicherung drastisch "komprimieren", das heißt von möglichst viel überflüssiger Information entkleiden. Der wichtigste Trick beruht auf der schlichten Erkenntnis, daß fast jedes Einzelbild seinem direkten Vorgänger sehr ähnlich ist. Deshalb spüren spezielle Rechenverfahren (Algorithmen) nur die Veränderungen auf, also die Bewegungsinformation aus dem Videosignal. Es gibt bereits mehrere solcher Verfahren. Das wichtigste heißt MPEG Algorithmus und wird voraussichtlich im November zum internationalen Standard erhoben. Dank solcher Verfahren gelingt tatsächlich die geforderte ISOfache Verdichtung — ohne entscheidenden Verlust bei der Bildqualität. Mehrere Hersteller, zum Beispiel Intel C Cube oder LSI Logic, haben sich auf das Wettrennen um den Bau von Mikrochips eingelassen, die diese Berechnungen in Echtzeit bewältigen — also jede 25stel Sekunde ein Bild. Heute kostet ein solches System, "Digital Video Interactive" (DVI), für die Aufrüstung normaler Personalcomputer je nach gewünschtem Einsatz 4500 bis 8000 Mark. Bereits für 1993 hofft der Hersteller, den Preis auf lediglich 1000 Mark zu senken, bei wesentlich besserer Leistung.