Donnerstag-Demos vor dem Rathaus: Ein paar Unentwegte protestieren noch immer gegen den Berlin-Beschluß

Bonn

Mindestens hundertmal steht es auf den Abfallbehältern und Gehwegplatten der Bonner Innenstadt: Maria, ich liebe Dich über alles. Sogar ein paar der blauen und orangefarbenen Plakate der unerschütterlichen Kämpen für Bonn, die Freiheit und den Wohlstand der neuen Bundesländer sind mit den selbstbemalten A3-BÖgen überklebt. Dennoch gibt es im Zentrum kaum einen Papierkorb oder Laternenmast, dessen Aufschriften nicht zur wöchentlichen Donnerstagsdemo auf den Marktplatz rufen.

Vorerst ist der Raum vor dem alten Rathaus voller Menschen, die lediglich in einem Straßencafé sitzen oder bei einem der fliegenden Händler Obst kaufen wollen: "la Bananen – 1 kg 5 DM, 2 kg 2,50 DM." Auf der Freilichtbühne, auf der fast täglich Kultur- und Informationsgruppen auftreten – noch läuft der Bonner (Kultur-)Sommer –, springen ein paar Dreijährige herum, und in den Nebenstraßen singen lauter Melanie- und Bob Dylan-Imitationen vor einem dankbaren Publikum. Das ist meist zwischen fünfzehn und zwanzig Jahren alt, sitzt mit verschränkten Beinen am Boden, trägt ausgewaschene Jeans und wiegt sich im Takt. Die Zeit scheint um 25 Jahre zurückgedreht.

Doch sobald am verkaufsoffenen Donnerstag die Dämmerung aufzieht, beginnt sich das Publikum auf dem Markt zu verändern. Auf den Caféhausstühlen, die der Bühne am nächsten stehen, sitzen jetzt gepflegte Damen, fast noch mittleren Alters, vor der Bühne stehen abwartend einige Beamtentypen um die Vierzig, und beleibte Herren verteilen Handzettel. "Wir treten dafür ein, daß in Zukunft wieder die Bescheidenheit und nicht die Großmannssucht regiert", liest man unter anderem, und eine Uhr, die fünf vor zwölf zeigt, soll für die Neue Mitte werben, eine weitere Partei der "bürgerlichen Vernunft".

Ohne populistische Verrenkungen

Jetzt schlägt’s acht auf der Rathausuhr, und die dreizehnte Bonner Donnerstagsdemo beginnt. Wohlwollend gezählt sind inzwischen 500 Demonstranten versammelt. Auch die Leipziger haben schließlich mal klein angefangen; außerdem ist noch Urlaubszeit, wie die Redner immer wieder betonen. Sie werden mit Jubel empfangen. Bonns Oberbürgermeister Daniels verzichtet diesmal auf ungeschickte populistische Verrenkungen. Und Bundeskanzler Kohl meidet eine Begegnung mit seinen lieben Bonnern ebenso wie einst mit den Sachsen.