Von Fred Hoffman und Henry Rowen

LOS ANGELES. – Mit großer Aufmerksamkeit wird in diesen Tagen verfolgt, wie sich der Zerfall der Sowjetunion auf die Zukunft ihrer Nuklearwaffen auswirkt. Gewiß werden vor allem innenpolitische Faktoren die Entwicklung bestimmen. Dennoch müssen wir versuchen, mit den künftig Verantwortlichen zusammenzuarbeiten und auf sie einzuwirken.

Wir sollten zudem den sowjetischen Zusammenbruch zum Anlaß nehmen, die nukleare Strategie der Vereinigten Staaten grundsätzlich zu überdenken. Bereits vor dem allmählichen Rückzug und dem nachfolgenden Zerfall des sowjetischen Weltreiches entwickelte diese Strategie ein gefährliches Eigenleben. Sie spielte auf riskante Weise mit der sogenannten launch under attack-Politik, also dem Prinzip, beim kleinsten Anzeichen für einen gegnerischen Angriff sofort zurückzuschlagen.

Die Gefahren eines nuklearen Angriffs sind nicht verschwunden; in mancher Hinsicht können sie jetzt sogar noch größer werden. Die strategischen Nuklearwaffen der Sowjets, von denen bereits ein kleiner Teil genügt, um die Vereinigten Staaten auszulöschen, sind noch immer vorhanden. Und die politischen Unsicherheiten sind nicht kleiner geworden. Die Verbreitung von Nuklearwaffen, Raketen und weiteren Waffentechnologien in anderen Teilen der Welt birgt neue und kaum kalkulierbare Bedrohungen – nicht zuletzt für die Vereinigten Staaten.

Der Umbruch in der Sowjetunion bietet allerdings auch die Gelegenheit, gemeinsam mit den Nachfolgestaaten der ehemaligen UdSSR das nukleare Gleichgewicht zu stabilisieren und unsere Aufmerksamkeit mehr den heraufziehenden Gefahren in anderen Regionen zu widmen. Seit dem Beginn des Kalten Krieges zielte die Strategie der Vereinigten Staaten und des Westens auf Stabilität. Deshalb mußte die Sowjetunion davon abgehalten werden, ihr Militärpotential zu nutzen, um ihre Nachbarstaaten zu unterwerfen oder gar anzugreifen.

Weil die Vereinigten Staaten und vor allem die Europäer Zweifel hatten, ob sie der sowjetischen Militärmacht gewachsen sein würden, bauten sie auf die Drohung eines nuklearen Gegenschlags auch bei einem konventionellen Angriff der Sowjets. Deshalb mußte die sowjetische Führung davon überzeugt werden, daß die Vereinigten Staaten tatsächlich mit Nuklearwaffen angreifen würden, um eine Niederlage zu vermeiden.

Aber durch das Anwachsen der sowjetischen Nuklearschlagkraft vor mehr als zwanzig Jahren wurde die Glaubwürdigkeit dieser westlichen Strategie in Frage gestellt. Gleichzeitig wurde ein umfassender Angriff der Sowjets gegen den Westen wegen der entsetzlichen Risiken für beide Seiten wesentlich unwahrscheinlicher als gezielte, regional begrenzte Einsätze der konventionellen sowjetischen Militärmacht, wie etwa die Invasion Afghanistans.