Wie ostdeutsche Familien um ihre Häuser kämpfen

Von Marlies Menge

Krumnows wehren sich. Sie kämpfen um ihre Bleibe, auf die inzwischen eine Frau aus dem westlichen Teil Berlins Anspruch erhebt. "Im Land Brandenburg rechnet man mit über 200 000 Familien, die auf Westbesitz wohnen, also rund eine Million Menschen, wenn man alle Familienangehörigen mitrechnet. Man kann doch nicht eine Million Menschen vertreiben!" empört sich Gabriele Krumnow. "Irgendwann läuft das Faß über, dann gehen Deutsche auf Deutsche los. Schließlich hat Kohl gesagt, man darf altes Unrecht nicht mit neuem vergelten."

Jahrelang hörten Krumnows von der kommunalen Wohnungsverwaltung in Potsdam-Babelsberg, das Haus, in dem sie zur Miete wohnten, sei verstaatlicht, weil keine Besitzer zu finden seien. Sie haben renoviert, jede freie Minute und jede müde Mark in die Wohnung gesteckt. Nach der Wende haben sie das Zweifamilienhaus gemeinsam mit den Nachbarn aus dem oberen Stock gekauft und drei Tage vor der Währungsunion bezahlt. Als sie vom Anspruch der Westbesitzerin auf das Haus hörten, beschlossen sie, irgend etwas zu unternehmen, nicht einfach nur zu warten wie hypnotisierte Kaninchen.

Frau Krumnow brauchte nicht lange zu suchen, um andere Betroffene zu finden, in Kleinmachnow, Rehbrücke, Wilhelmshorst, Babelsberg, eben den südwestlichen Vororten von Berlin. Eine Initiativgruppe "Nutzer und neue Eigentümer" bildete sich im Mieterbund. "Der aktive Teil in der Initiativgruppe Potsdam-Land ist klein, nicht mehr als 20 bis 25 Personen. Bei unserem ersten Hearing kamen aber eine Menge Leute mit Zetteln und wollten aufschreiben, was wir ihnen sagen."

Die Bereitschaft, sich zu wehren, steigt. Einer, der ebenso aktiv ist wie Frau Krumnow, ist Frank Baier. Als es ihm und seiner Frau mit den zwei kleinen Kindern im Neubau zu eng wurde, suchte er ein Wochenendgrundstück. In Rehbrücke sagte ihm jemand: Gehen Sie mal in die und die Straße, da wohnen zwei alte Leute, denen ist das Haus zuviel. 1979 mieteten Baiers es. Die Besitzer waren kurz nach dem Krieg in den Westen gegangen. Seitdem hatten die verschiedensten Leute in dem Haus gewohnt. "Wir wußten, daß es ein Westgrundstück war. Wir konnten doch aber das Haus nicht verfallen lassen. Es mußte neu verputzt, Wasser und Gas neu verlegt, der Holzbock bekämpft werden. Wir wollten das Haus gern kaufen, wurden aber immer wieder vertröstet." Schließlich verhalf der Rat der Gemeinde ihnen zu einem Kredit von 35 000 Mark für Reparaturen. Sie haben sie zum Teil selbst ausgeführt, die Handwerker zum Teil selbst bezahlt, eine Garage angebaut. Das schreibt sich leicht hin. Nur wer die DDR kannte, weiß, wie mühsam solche An- und Umbauten waren: "Wir brauchten zum Beispiel Bretter, haben uns abends angestellt, um morgens nur einen Berechtigungsschein zu bekommen für Bretter fürs nächste Quartal, unbehandelte Schalbretter. Wir haben sie selbst gehobelt, verfugt. Das Haus wäre nur noch ein Steinhaufen, wenn wir nichts getan hätten."

Immer wieder wollten Baiers es kaufen: "Immer wieder hieß es: Im Jahr kann nur soundso viel in Volkseigentum überführt werden, so nannte man die Enteignung. Erst wenn die Kosten der Reparatur die Kaufsumme für das Haus überstiegen, konnte es wegen Überschuldung verkauft werden." Den letzten Kaufantrag stellten sie im Mai 1989. 1990 schließlich konnten sie Haus und Grundstück kaufen, nachdem ein neues Gesetz auch den Kauf des Grundstückes ermöglichte.