KOLUMNE

Von Richard Schröder

Wer ist schuld an der DDR-Misere? Die einen sagen: Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient, ihr DDR-Bürger wart ja alle Mitläufer. Auch manche Ostler bekennen demütig: Ja, wir sind alle schuldig. Bloß: Pauschale Schuldbekenntnisse sind billig. Wir nähren damit nur die Überheblichkeit derer, die sich auf die Gnade der westlichen Geburt berufen können. Andere sagen: Das System war an allem schuld. Doch die bekommen zur Antwort: Ihr wollt euch ja bloß reinwaschen und rausreden, wie seinerzeit die Nazis, bestimmt behauptet ihr auch noch, ihr hättet nichts gewußt.

Und trotzdem: Wir urteilen heute über eine andere DDR als die, die wir damals kannten. Damals lebten wir in einem Dschungel, in Nischen, geduckt und voneinander isoliert. Auch für die Ostler begannen im Herbst 1989 die Enthüllungen. Jetzt haben viele nicht nur eine völlig gewandelte Gegenwart, sondern auch die eigene Vergangenheit neu zu buchstabieren. Wir müssen weg vom Rückblick auf den Scherbenhaufen und uns genau erinnern, wenn wir urteilen wollen.

Eine Mitschülerin hat einmal zu meiner Tochter gesagt: "Du hast’s gut, du mußt nicht in die FDJ eintreten, ich muß, denn mein Vater hat gesagt, sonst gefährdet er seinen Beruf." Man konnte diesen Vater fragen, ob er nicht die Gefahr überschätzt, aber will man ihn wirklich verachten, weil er in dieser Sache seinen Beruf nicht gefährden wollte? Als ich seinerzeit einer österreichischen Diplomatenfrau erzählt habe, daß meine Kinder nicht in der FDJ sind, hat sie mich sehr ernst gefragt, ob ich es verantworten könne, die berufliche Entwicklung meiner Kinder zu gefährden. Eine DDR-Bürgerin, die ins Gefängnis gekommen war, weil sie Flugblätter verteilt hatte, hat daraufhin ihre Kinder bewußt unpolitisch erzogen, damit sie so etwas nicht auch erleben müssen.

Ich habe einmal meine Tochter von der verordneten Maidemonstration abgemeldet, da wir Besuch erwarteten, und zwar mit der Begründung, daß sich die gesetzliche Schulpflicht nicht auf einen gesetzlichen Feiertag beziehen kann und die Teilnahme an einer Demonstration freiwillig sein muß, da sie eine Willenskundgebung ist. Darauf wurde ich zur Schulleiterin bestellt. Die fragte mich, wo ich denn arbeite. In ihren Akten stand nämlich bloß: "Sprachenkonvikt". Ich weiß nicht, ob ich den Brief genauso geschrieben hätte, wenn ich nicht auf diese Frage die Antwort parat gehabt hätte: "bei der Kirche", also kein Kadergespräch im Betrieb zu gewärtigen hatte.

Und die Überzeugten, die die DDR für den besseren deutschen Staat hielten? Das waren nicht wenige. Können wir jemandem persönlich anlasten, daß er irregeführt und desinformiert worden ist? Es ist allerdings wahr, daß auch die Überzeugten irgendwie das Verkehrte gespürt haben. In einem sozialistischen Bierlied hieß es: "Wir trinken bis zum Morgenrot die kleinen falschen Zweifel tot." Andernorts trinkt man die Sorgen tot, und falsche Zweifel sind eben keine mehr. Da schaut zwischen den Zeilen eine Überlebensstrategie des Selbstbetrugs durch. Ich finde das eher jämmerlich und bejammernswert als empörend.