Berlin

Die achtjährige Shenja lebt gemeinsam mit ihren Eltern, dem Kinderarzt Alexander Kusnezow und der Buchhalterin Galina Kusnezowa, in einer sowjetischen Militärsiedlung in Berlin-Karlshorst. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist dort der Hauptsitz der sowjetischen Armee in Deutschland. Auch dieser Standort wird bald geräumt, doch die Kusnezows können nicht wie die anderen Sowjetbürger nach Hause zurückkehren: Leben und Gesundheit ihrer Tochter hängen an Deutschland.

Der Weg der Familie vom sibirischen Irkutsk am Baikalsee in das mehr als 7000 Kilometer Luftlinie entfernte Ostberlin gleicht einer Odyssee. Die Vorgeschichte beginnt 1974; in jenem Jahr wird das erste Kind der Kusnezows geboren. Tochter Olja ist nur ein kurzes Leben beschieden. Mit drei Jahren stirbt das Mädchen an einer für sowjetische Verhältnisse bis heute unheilbaren Krankheit: an angeborener Schrumpfniere.

Fünf Jahre später, am 17. November 1982, kommt die zweite Tochter der Kusnezows zur Welt. In ihrer frühen Kindheit entwickelt sich Shenja normal, doch bald stellen sich Wachstumsstörungen ein. Nach einigen Jahren ist klar: Das Mädchen leidet an der gleichen Krankheit wie die Schwester. Beide Nieren sind nicht funktionstüchtig.

Den drohenden Verlust des zweiten Kindes vor Augen, entschließt sich Galina Kusnezowa im Juni 1988 zu einer Verzweiflungstat. Da kein Arzt in Irkutsk Shenja helfen kann, fährt sie mit dem schwerkranken Kind nach Moskau. Dort muß sie tagelang bitten und betteln, bis sich die Bürokratie in Weiß – Shenja hat keinen Überweisungsschein – erweichen läßt. Ein Urologe im Moskauer Republik-Krankenhaus nimmt das Mädchen auf.

Nach zehntägigen Untersuchungen erhält die Mutter einen niederschmetternden Befund: Es bestehe keine Hoffnung, das Kind müsse sterben. Sie solle nach Hause fahren, empfiehlt der Arzt, und die verbleibenden Monate mit ihrer Tochter in der Familie verbringen.

Galina Kusnezowa gibt nicht auf. Gemeinsam mit ihrem Mann, den sie per Telegramm nach Moskau geholt hat, bekniet die verzweifelte Mutter drei Monate lang täglich die Mitarbeiter des UdSSR-Gesundheitsministeriums, ihrer Tochter zu helfen. Als das nichts nützt, wenden sich die Eltern ans Zentralkomitee der KPdSU. Von dort werden sie schließlich an Professor Nikolaj Lopatkin, den Papst der sowjetischen Urologie, weitervermittelt. Galina bietet sich als Nierenspenderin für ihr Kind an. Lopatkin untersucht Shenja und diagnostiziert lakonisch: Bei Kindern in diesem Alter würden keine Nieren transplantiert, weil sich ihre Lebenserwartung dadurch höchstens um zwei bis drei Jahre verlängere.