Von Konrad Heidkamp

Langsam nähert sich die Kamera den Händen des Pianisten, bis endlich der Ring am kleinen Finger zu erkennen ist, der Ring, der uns die Musik besser verstehen läßt. Schnitt. Die Rückenansicht des Trompeters aus der Perspektive der großen Trommel. Schnitt. Der rot angelaufene Kopf des Posaunisten. Überblendung. Der Besen des Schlagzeugers wischt auf dem Becken im Kopf des Posaunisten. Sie zeigen alles, und man sieht und hört nichts mehr. Musikübertragungen im Fernsehen sind von dieser Art. Entweder Augen zu, oder die Musik wird von den Bildern erdrückt, zerstückelt oder neutralisiert.

1958 – ein Konzert in einem Fernsehstudio in den USA. Bilder in grauem, milchigem Schwarzweiß. Die Kameras umkreisen die Musiker, lassen sich Zeit, kriechen den Musikern nicht unter die Fingernägel, wahren den Abstand, schaffen Raum. Die Aufnahmen, die auf den beiden Videokassetten "Vintage Collection Vol. 1 & 2" zu sehen sind, gehören sicher zum Schönsten aus dem Genre des gefilmten Jazz. Wahrscheinlich würde man heute den Produktionsleiter, der dafür verantwortlich zeichnete, fristlos entlassen. Im Hintergrund des Studios öffnet sich eine Tür, Billie Holiday kommt herein, flüstert Count Basie während der Aufnahme etwas ins Ohr. Ben Webster lehnt am Flügel Ahmad Jamals, obwohl er erst im nächsten Set auftritt und dort nichts zu suchen hat, zündet sich eine Zigarette an und hört mit bewundernd hochgezogenen Augenbrauen zu. Leute kommen und gehen und stehen und grinsen, und niemand fühlt sich abgelenkt oder gestört.

Wer hier mit wem spielt, bleibt nebensächlich. Den Kern der ersten Kassette "Vintage Collection 1958-59" bildet eine All-Star-Band, vermischt mit dem Count-Basie-Orchester. Coleman Hawkins, Gerry Mulligan, Ben Webster, Roy Eldridge, Henry Red Allen oder Rex Stewart – Chicago Jazz, Swing, Cool Jazz – die Kategorien verflüchtigen sich in Musik, in Gesichtern, in Gefühlen. Nur das Thelonious-Monk- und das Jimmy-Giuffre-Trio fallen personell und stilistisch aus dem Rahmen. Sie spiegeln sich aber auch im anerkennenden Lächeln Coleman Hawkins’, in den skeptischen Blicken des Bluessängers Jimmy Rushing, in den trüben Hundeaugen des Klarinettisten Pee Wee Russell. Und dann schiebt sich Billie Holiday auf einen Barhocker, von den Großen des Jazz im Halbkreis umgeben, und in ihrem Gesicht – alt und jung, schön und häßlich – lebt die Musik. Ihre Augen und ihr Mund begleiten das Solo Lester Youngs, ein streichelndes Lächeln, ein ungläubiges Nicken, und für sechs Minuten "Fine and Mellow" vergißt man die Zeit und begreift, wie man Musik sehend hören kann.

"Vintage Collection 1960-61" enthält – neben den Auftritten des Ahmad-Jamal-Trios und des Ben-Webster-Sextetts – eine weitere Rarität: ein Fernsehkonzert des Miles-Davis-Quintetts mit John Coltrane vom April 1959, gefolgt von einem Medley durch "Miles Ahead" mit dem Gil-Evans-Orchester. Wieder diese Spiegelung der Musik in den Mienen der Musiker,’ taxierend, rauchend, versunken. Wieder diese Kameras, die sich als hörende Augen begreifen, diese Choreographie aus Schwenks, Fahrten, Großaufnahmen, die der Dichte und Durchsichtigkeit der Arrangements entsprechen. Die Soli von Miles Davis tönen klar und ökonomisch wie der wache, wandernde Blick seiner Augen, Gil Evans dirigiert mit Bewegungen, die dem Flügelschlag eines Kranichs gleichen, während John Coltranes geschlossene Augen ihn vor allem Äußerlichen verschließen. 24 Minuten Intensität und Ruhe, die sehen und hören gleichzeitig möglich machen. Drei weitere Videos in dieser Reihe, ein Film über ein Konzert des Duke-Ellington-Orchesters 1968 in Mexico-City und ein Openair-Auftritt des Stan-Getz-Quartetts 1983 in Kalifornien – auf zwei Videos verteilt – bleiben dagegen in ihrer Machart eher traditionell solide. Doch auch diese Konzerte sind ihr Eintrittsgeld wert. Man kann die Augen schließen und sie wieder öffnen – was zu hören ist, ist auch zu sehen.

  • "Vintage Collection"

Volume 1: 1958-59, Volume 2: 1960-61 Warner Music Vision 9031 74506, 74507