Von Petra Kipphoff

Im April dieses Jahres fuhren wir mit Christo durch die hügelige Landschaft von Kern County, nördlich von Los Angeles. An bestimmten Stellen hielten wir an, stiegen aus dem Jeep, und Christo zeigte, wo sein "Umbrella"-Projekt verlaufen werde, wo die Linie der gelben Schinne den Hügelkamm herunterkommen und sich an der anderen Straßenseite fortsetzen, wo hier ein einzelner Schirm und dort ein ganzes Büschel plaziert werden sollen. Am 8. Oktober ist der Tag, an dem 1700 gelbe Schirme in Kalifornien und gleichzeitig 1300 blaue in Japan aufgespannt werden, am 28. Oktober wird alles wieder abgebaut. "Mein Kunstwerk ist drei Wochen lang vorhanden", sagte Christo. War’s das?

Im Juni dieses Jahres stand ich mit Michael Heizer irgendwo im Niemandsland der Wüste von Nevada in seiner großen Skulpturenarena "Complex One/City". Heizer hat mit dieser Arbeit, den Planungen, Berechnungen, Materialtransporten, Sandaufschüttungen, dem Gießen und Aufstellen von Betonträgern 1972 begonnen. "Jetzt kommt noch die andere Hälfte der Arbeit, eine zweite, spiegelbildliche Anlage", sagt Heiner. "Vielleicht dauert es noch einmal zehn Jahre, vielleicht den Rest meines Lebens." Wird es die komplette Arbeit je geben?

Zwei Äußerungen von zwei zeitgenössischen Künstlern nicht über den Stil, die Materialien oder die Intention des Kunstwerks, von dem hier die Rede ist, sondern über die Zeit, einen Zeitraum, in dem die Arbeit vollendet sein wird und zu sehen ist. Drei Wochen hier, in zehn Jahren dort, vielleicht.

Von Lysippos, dem Großmeister der Skulpturenproduktion der klassischen Antike, bis hin zu Andy Warhol, dem Großindustriellen der Pop-art, gibt es zahllose, über die Zeiten hinweg immer ausführlicher werdende Äußerungen von Künstlern über ihre Arbeit, die erwünschte Wirkung, den gesuchten Sinn oder beabsichtigten Un-Sinn. Aber fast nie war von der Zeit die Rede, es sei denn, die Entstehungszeit wurde erwähnt, eine biographische Anekdote oder ein Faktum von sekundärer Bedeutung. Die Zeit war, von Michelangelos Darstellungen des Tages und der Nacht auf den Gräbern der Medici bis hin zu Salvador Dalís auf der Bildleinwand zerfließenden Uhren, immer ein Thema der Kunst, aber nicht ein Teil ihrer Existenz. Im Gegenteil: Das Leben der Kunst war und ist traditionellerweise immer angelegt auf ein Überleben, was sich nicht zuletzt auch in der Institution Museum oder der Existenz des Sammlers widerspiegelt, der mit einem Künstlernamen, mit der Kunst überleben möchte.

Seit die Kunst sich in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts neue Plätze gesucht hat für neue Erscheinungsformen, zum Beispiel bühnenähnliche Situationen für Performance und Happening und die Landschaft für die Earth-art und Landart, ist die Zeit zu einem bestimmenden Element der Kunst geworden. Eine präzise Zeitangabe von Christo über die Lebensdauer seiner Arbeiten und eine ungefähre Zeitangabe von Michael Heizer über den möglichen Zeitpunkt des Abschlusses einer Arbeit sind Informationen von zentraler Bedeutung, ohne die diese Kunstwerke nicht wahrzunehmen, nicht zu begreifen sind. Es sind Auskünfte über eine Kunst, die den Ewigkeitsanspruch, der den Künstler und sein Publikum jahrhundertelang verbunden hat, in dieser Form nicht mehr stellt. Und es sind Auskünfte über eine Kunst, die nicht mehr in die lange gültigen Vereinbarungsbegriffe der Trinität von Malerei, Graphik und Skulptur paßt. Aber auch der erweiterte Kunstbegriff, mit dem man in den sechziger Jahren Phänomene wie Happening, Installation oder Performance einzufangen suchte, taugt nicht mehr zur Charakterisierung einer Aktivität, die nicht nur das Atelier und das Museum, sondern auch die Stadt verlassen hat, dafür aber das Gebiet der Architektur ebenso streift wie das der Geologie.

Die Earth-art, Land-art oder Environmental-art ist, wie die Namen zeigen, ein fast ausschließlich englisch-amerikanisches Phänomen. Die Tatsache, daß allein der Staat Kalifornien größer ist als das ganze Deutschland, ist eine erste und einfache Erklärung dafür, daß es zum Beispiel auf deutschem Boden keine Land-art gibt. Andererseits aber hat die Land-art nicht nur direkte Vorläufer in der amerikanischen Landschaftsmalerei des späten 19. Jahrhunderts, den großformatigen minutiösen Landschaftsbildern von Frederic Church und Albert Bierstadt, und den Pionieren der amerikanischen Landschaftsphotographie wie Timothy O’Sullivan. Es gibt auch ältere Wurzeln in den europäischen Renaissance-Gärten und romantischen Landschaftsparks sowie der Malerei der Romantik, besonders der pantheistischen Landschaftsmalerei eines Caspar David Friedrich. Wie wenig die im Tagesgeschehen der Kunst verwendete kurzlebige Kategorie der Innovation hier taugt, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die ersten Land-art-Skulpturen bereits Ende der sechziger Jahre entstanden sind. Daß diese Künstler (nur wenige Namen sind in den letzten Jahren neu hinzugekommen) auch in den neunziger Jahren weiterhin ihrer Arbeit nachgehen, ist ein Hinweis auf die Intensität ihrer Absichten, die Eigenart ihrer Werke. Ist das die reine Exzentrik, am Ende der Tage? Nicht zufällig ist die Landschaft das neben dem Menschen älteste Thema der bildenden Kunst.