In der Mittelelbe-Region zwischen Wittenberg und Dessau liegt eine wertvolle Auenlandschaft. In den dreißiger Jahren wurde dort das Braunkohlekraftwerk Vockerode gebaut. 1996 soll es stillgelegt werden. Nun aber erwägen Energiekonzerne den Bau eines neuen mit Steinkohle befeuerten Großkraftwerkes. Unsere Autorin hat protokolliert, wie die parteilose Petra Stolze nach der Wende wegen ihres Engagements gegen den Schmutz des Kraftwerks gewählt wurde, wie sie sich als Bürgermeisterin bemühte, den Bau eines neuen inmitten der Kulturlandschaft zu verhindern, und warum sie schließlich in ihrem Amt scheiterte und zurücktrat.

In Vockerode lebe ich seit fünfzehn Jahren. Der Ort ist nicht gewachsen, der wurde hochgezogen für das Kraftwerk. Aus allen Richtungen kamen die Leute, denn hier gab es Wohnungen, eine Post, Dienstleistungen, einen Kaufladen, einen Friseur. Es war aber auch ein ständiges Kommen und Gehen. In unserem Viertel ist außer uns im Laufe dieser Jahre nur noch eine andere Familie geblieben.

Kurz vor der Wende war der Druck fast unerträglich. Als es mit den Herbstdemonstrationen losging, war ich nicht mehr zu halten. In dieser Menschenmasse zu stehen, eine Kerze in der Hand, das berührte mich sehr. Als endlich in Vockerode ein Forum angesetzt wurde, war der Saal brechend voll. Und ich sprach einfach über das, was mich belastet hatte: fünfzehn Jahre Vockerode, fünfzehn Jahre Leben mit diesem Kraftwerkskoloß. Mit dem Staub überall. Der schlechten Luft. Ich sagte auch, daß die Phrasendrescherei aufhören muß, denn wer Phrasen drischt, s:hlägt denkenden Menschen auf den Kopf. Die Leute waren begeistert. Im Januar nach der Wende gründeten wir die Bürgerinitiative Vockerode. Gegen das Kraftwerk wollten wir etwas unternehmen, denn unter dieser alten Dreckschleuder aus den dreißiger Jahren litt die ganze Region. Die Kommunalwahlen gewannen wir mit über vierzig Prozent.

Ich war fast ein wenig erschrocken über dieses Echo und die Erwartungshaltung, die dahinter stand. Jetzt ging es natürlich los: Die stärkste Fraktion stellt den Bürgermeister. Keiner war darauf vorbereitet, keiner wollte es machen. Ich bekam als Einzelperson die meisten Stimmen, zweifelte aber. Ich hatte so viele Feinde in Vockerode – eben diese ganze SED-Lobby. Die anderen ermutigten mich: "Wir kennen deine Zähigkeit, deine Hartnäckigkeit, deine Akribie ... Mach es doch!" Letztendlich dachte ich: "Was soll’s, du versuchst es einfach." Von Anfang an begriff ich das Amt als ein große moralische Verpflichtung, als die Pflicht, meine ganze Kraft einzusetzen, Freizeit und Privatleben zur Verfügung zu stellen.

In der Auenlandschaft an der Elbe leben noch Biber. Sie ist keine völlig unbelassene Natur, sondern ein "Gartenreich". Friedrich Franz von Anhalt-Dessau versuchte hier zwischen 1758 und 1817 Mensch und Natur, Stadt und Land harmonisch zusammenzuführen. Die Unesco sieht es als Biosphärenreservat an. Um mich schlau zu machen, fuhr ich zum Städte- und Gemeindebund. Ich dachte, vielleicht lernst du hier Leute kennen. Du brauchst Beziehungen. Es wurden dort Minister und Staatssekretäre eingeladen, die gaben Informationen aus erster Hand. Später merkte ich, daß die anderen Bürgermeister durch die Landratsämter unvollständig und mit wochenlanger Verspätung informiert wurden. Im Juni 1990 spürte ich schon deutlichen Widerstand. Immer öfter mußte ich die Angestellten der Gemeinde losschicken, um Erinnerungszettel an die Türen zu heften. Ich wußte, wenn ich trotz telephonischer Absprachen nicht mindestens dreimal mahne und erinnere, dann kommt keiner zu wichtigen Sitzungen. Von einem Freien Demokraten habe ich mir nach fünf Wochen sagen lassen: "Frau Stolze! Ihre Erwartungshaltung an die Abgeordneten ist entschieden zu hoch. Wir opfern ja schon alle vierzehn Tage drei Stunden für eine Ratssitzung."

Ich konnte schlecht abschalten. In allen Zimmern, in der Küche, im Bad, überall lagen Zettel, auf denen ich mir Notizen machte. Nachts stand ich auf, weil mir etwas eingefallen war, was wichtig war für die Kommune. Ich hinterfragte immer mehr mich selbst: Was machst du falsch mit diesen Gemeindeparlament? Sie hatten andere Interessen als ich. Autos mußten gekauft werden, für gutbezahlte Nebenjobs nahmen sie Urlaub. Sie stellten nichts an sich in Frage. Sie wirkten auf mich so – wohlgenährt. Aber ich dachte: Es stabilisiert sich noch, und wir müssen alle lernen. Ich lud Leute ein von der Stadtverwaltung Dessau, von den Wohnungsgesellschaften, die uns erzählten, wie wichtig Planungsdokumente für eine Kommune sind.

Auf solche Experten haben die Parlamentarier gelangweilt reagiert. Einer sagte mal: "Die können uns viel erzählen. Die wollen ja hier bloß Geld verdienen."