Ein verwilderter Garten, groß und lang, mit alten verkrüppelten Bäumen, dichtem Brombeergestrüpp, kletternden Rosen; ein verlassenes Haus, das Gartentor schließt nicht ganz. Ab und zu sah man jemanden herauskommen mit einem Strauß Rosen, einigen Äpfeln oder Birnen. Mitten in Hamburg-Eppendorf. Unweigerlich fragen sich da viele, ob hier nicht Besseres geschehen könnte. Und nur wenige werden wissen, daß in diesem Garten Wunderdinge wuchsen: Weintrauben mit sanftgrauem Schleier auf der Frucht, süße Apfel, die einzeln in Laken aufgefangen wurden, italienische Zwetschgen, die größer, aromatischer, duftender als alle anderen waren und die jedes Jahr wieder von dem großen Hamburger Feinkosthaus Heimerdinger abgeholt wurden. Wenige wissen, daß über diesen Garten ein kleines Buch geschrieben wurde.

Hundert Jahre ist er alt, hundert Jahre lang wurde er kaum verändert. 1888 kaufte Friedrich Alexander de l’Aigle, ein enthusiastischer Pomologe, das Flurstück an der Stadtgrenze von Hamburg. Sechstausend Quadratmeter groß, drei preußische Morgen. Hier legte der frühzeitig pensionierte Jurist und Lebensreformer einen Naturgarten an, Protest gegen die Bürgerlichkeit und ihre zugeschnittenen Gärten. Nur vor dem Haus gab es abgezirkelte Rosenrondeels und gesäumte Wege, ein Zugeständnis an die Ehefrau und an die Norm. Hinten war der Garten frei aufgeteilt, mit Wiesen und kleinem Wäldchen und einer exquisiten Sammlung von Obstbäumen und Beerensträuchern. Dieser Garten war für Alma de l’Aigle (1889 bis 1959), eine der drei Töchter und späterhin bekannte Autorin, Ausgangspunkt einer Lebensphilosophie. Sie hat ihn beschrieben in einem heute lange vergriffenen Buch, einem zierlichen Nachklang auch jener schwergewichtigen Hausvater- und Hausmutterliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts („Ein Garten“. Classen und Goverts; Hamburg 1949).

Verehrte Adlerfrau wurde sie gegrüßt. Die Junggesellin war Lehrerin und Rosengelehrte. Buchstabengelehrt, klug, eine Vatertochter: So stellen wir sie uns vor, wie sie mit rundem, lange kindlich bleibendem Gesicht Traktate aufsetzte zum Thema „Konservativ – revolutionär“, wie sie mitdiskutierte und einen Vortrag hielt über „Volk und Staat“ auf der ersten Zusammenkunft der Jungsozialisten nach dem Ersten Weltkrieg in Hofgeismar. Malerin wollte sie werden, studieren hätte sie können, doch der Vater hielt nichts vom Frauenstudium. Sie ging auf Lehrerinnenseminar. Alma der Igel und Alma das Ekel, nannten spottend Jugendfreunde sie damals. Almas spätere Liebe zu Rosen scheint ihnen recht zu geben.

Sie wurde eine der tüchtigen Frauen, unverheiratet, mit Lebensweisheiten gewappnet, die sie erst in sozialkritische Abhandlungen, dann in Erziehungsregeln und in kleine Geschichten für Kinder ummünzte. Das „Dritte Reich“ erlebte sie im inneren Widerstand. Ihre Schriften wurden verbrannt. Und bei jeder Gestapo-Vorladung hoffte sie, daß es wieder gutgehe, daß man nichts erfahren hatte von ihrer Kritik am Regime. Besorgt war sie vor allem um ihre Schulkinder. In den letzten Kriegsjahren schrieb sie ihre „Elternfiebel. Die ewigen Ordnungen in der Erziehung“, ein Buch, das 1948 erschien, das sie weithin bekannt machte, das für uns heute sympathisch fortschrittlich und altmodisch zugleich ist. Nach dem Krieg veröffentlichte sie Briefe, die ihr Theo Haubach geschickt hatte, einer der Mitverschwörer des 20. Juli, ein guter Freund.

Mit der gleichen Beharrlichkeit, mit der Alma de l’Aigle die Ziele der Lebensreformbewegung, der Sozialdemokraten verfolgte, verschaffte sie sich ihre Rosenkenntnisse. Sie war schnell bekannt für ihre gute Nase, mit der sie Rosendüften nachschnupperte. Und sie war gefürchtet für ihre Fragen, Hagelschauer von Fragen, denen sich Rosengärtner ausgeliefert sahen, die geehrt und gepeinigt zugleich mit der kleinen Forscherin durch ihre Felder gingen. Schließlich entwarf Alma de l’Aigle einen „Rosengarten des intelligenten Faulen“, ein Kompendium, das noch heute unter Gartenfreunden berühmt ist.

Der Garten am Appener Weg 3, in dem Alma de l’Aigle aufgewachsen ist, in dem hundert Jahre lang kein Gift versprüht worden ist, ist längst in die Stadt Hamburg hineingewachsen, hineingeraten in die begehrte Wohngegend Eppendorf. Erbfälle, ein gescheiterter Antrag auf Denkmalschutz bei der Kulturbehörde, Verkauf an die Kuneth Investment aus Amsterdam: Jetzt soll hier gebaut werden, dreiundsiebzig Eigentumswohnungen und Tiefgaragen. Damit ist der alte Garten, den die Töchter de l’Aigle testamentarisch zu sichern versuchten, verloren; nur noch ein ärgerlicher Spielball zwischen den Hamburger Behörden.

Denn kurz, ganz kurz vor der endgültigen Erteilung der Baugenehmigung entdeckte die Landschaftsarchitektin Martina Nath-Esser (die Umweltbehörde bat sie, in Hamburg die Gartendenkmalpflege aufzubauen) diesen alten Schatz und legte Einspruch ein. Ein Kulturdenkmal sei dieser Garten, sagt sie. Einmaliges Hamburger Beispiel eines Naturgartens, jenes Gartenstils, der etwa dreißig Jahre zu Beginn des Jahrhunderts Geltung hatte, der neben Monte-Verita-Bewegung, neben Heinrich Vogeler und Else Lasker-Schüler die gartenkünstlerische Alternative setzte. Ein zwiespältiger Gartenstil, den, Blut und Boden verbunden, auch die Nazis für sich reklamierten. Der Spiegel seiner Zeit und die Erinnerung an eine bemerkenswerte Frau; So sieht es die Umweltbehörde, dafür streitet die Gartendenkmalpflegerin Nath-Esser und möchte, um den Garten zu bewahren, den Investoren ein Ersatzgrundstück anbieten. Was wäre einfacher?